Einführung zu den Konzerten des Rundfunk-Sinfonie-Orchesters des Hessischen Rundfunks am 2. und 3. Dezember 2021


Johann Sebastian Bach: Violinkonzert a-Moll, BWV 1041

Johann Sebastian Bach
Johann Sebastian Bach (* 1685 in Eisenach; † 1750 in Leipzig)

Zwischen 1708 und 1717 war Bach in Diensten der beiden Weimarer Herzöge, Wilhelm Ernst und Ernst August, deren Streitigkeiten seine Arbeit oft erschwerte, auch wenn er ein besonderes „Wohlgefallen“ genoss. Seine Aufgaben führten zu einer Konzentration auf Orgelmusik und Kirchenkantaten. Bachs lernende Beschäftigung mit den Werken anderer Komponisten, die sich anhand verschiedener Abschriften und Arrangements ablesen lässt, deutet auf ein zunehmendes Interesse an einem eigenen Konzertschaffen. Quellen sind aus dieser Zeit nicht erhalten, doch wird anhand von stilistischen Eigenheiten bei manchen Konzerten auf eine Herkunft aus der Weimarer Zeit geschlossen. Der dramatische Wechsel nach Köthen Ende 1717, im Verlaufe dessen Bach „wegen seiner Halßstarrigen Bezeügung v. zu erzwingender dimission“ fast einen Monat unter Arrest gestellt wurde, aus dem er schließlich „mit angezeigter Ungnade“ entlassen wurde, brachte eine Schwerpunktverlagerung mit sich. Seine Aktivitäten konzentrierten sich in Köthen auf die Gattungen der Klaviermusik, der Kammermusik und des Konzerts. Auch aus dieser Zeit sind allerdings nur wenige Quellen erhalten, etwa die Brandenburgischen Konzerte, die sechs Sonaten und Partiten für Violine solo und der 1. Band des Wohltemperierten Klaviers.
 1723 nahm Bach seinen Dienst in Leipzig als Thomaskantor auf, eine Stelle, die er bis zu seinem Tod 1750 behielt. Als Kantor und Musikdirektor war er für die Musik in den vier Hauptkirchen der Stadt verantwortlich. Dazu zählte die Vorbereitung einer Kantatenaufführung an allen Sonn- und Feiertagen. Außerdem oblag ihm der Musikunterricht in der Thomasschule. Die Internatsschüler waren verpflichtet, als Chorsänger die Gottesdienste mitzugestalten. Sein Deputat als Lateinlehrer, das mit dieser Stelle traditionell verbunden war, übertrug er gegen eine Geldzahlung an Siegmund Friedrich Dresig, den Konrektor der Schule. Gleich nach seiner Ankunft fing Bach an, die notwendigen Kantaten zu komponieren oder zu überarbeiten. Bei dieser systematischen Arbeit muss Bach in den ersten beiden Jahren im Schnitt ungefähr ein Werk pro Woche geschaffen haben, danach verlangsamte er das Tempo. Insgesamt sind zwei vollständige Jahrgänge überliefert, der Nekrolog berichtet von drei weiteren. Hinzu kamen Aufträge für Kantaten zu Hochzeiten, Taufen und Begräbnissen.
 1729 übernahm Bach die Leitung des 1701 von Georg Philipp Telemann gegründeten Collegium musicum, die er bis 1741, vielleicht sogar bis 1746, behielt. Mit diesem studentischen Ensemble führte er deutsche und italienische Instrumental- und Vokalmusik auf, darunter auch die eigenen Violinkonzerte, die er später auch zu Cembalokonzerten mit bis zu vier Solisten umarbeitete. Die Konzerte fanden ein- bis zweimal pro Woche im Zimmermannischen Caffee-Hauß oder im dazugehörigen Garten statt. Sie zeigen das erwachende bürgerliche Verlangen nach hochstehender musikalischer Unterhaltung in Leipzig.
 Als Solisten standen neben Bach selbst seine Söhne und Schüler zur Verfügung. In seiner gesamten Leipziger Zeit war Bach ein gesuchter Lehrer. Oft lebten die Schüler in seinem Haushalt. Ziel des Unterrichts war es, Musiker heranzubilden, die als Instrumentalisten und Komponisten den vielfältigen Aufgaben bei Hof, in der Kirche und im beginnenden bürgerlichen Musikleben gewachsen waren. Bachs Unterricht trug vor allem bei seinen Söhnen reiche Früchte.
 Insgesamt umfasst sein Werkverzeichnis 25 Konzerte. Zieht man die Doppelfassungen am, bleiben 17 Werke, von denen neun in der originalen Instrumentierung erhalten sind, und weitere acht als Cembalokonzerte, deren Erstfassungen verschollen sind. Das einflussreichste Vorbild für Bachs Konzerttypus bilden die Konzerte Vivaldis. Von ihm übernahm Bach den dreisätzigen Grundriss und die Ritornellform als Formgedanken für die Ecksätze. Das für Vivaldi bezeichnende Alternieren zwischen Ritornell und Episoden, das Durchschreiten eines Tonartenkreises zwischen den beiden äußeren Tonika-Pfeilern, behandelte Bach strenger. Für die schnellen Sätze entwickelt er zwei neue Varianten: die Dacapo-Form und die konzertante Fuge. Schließlich gibt er den langsamen Mittelsätzen durch ihre Ausdehnung und ihre kunstvolle Faktur mehr Gewicht. Kurze Sätze von intermezzohaftem Charakter wie bei Vivaldi finden sich bei Bach nicht.



Violinkonzert a-Moll, BWV 1041

Orchesterbesetzung: Solo-Violine Streicher Continuo mit Cembalo
Spieldauer: ca. 15 Min.
Sätze1. ohne Bezeichnung
2. Andante
3. Allegro assai

Die Originalpartitur des Violinkonzerts a-Moll ist nicht erhalten, allerdings gibt es einen fast vollständigen originalen Stimmensatz aus dem Jahr 1730. Der 16jährige Carl Philipp Emanuel Bach und der ein Jahr ältere Johann Ludwig Krebs und zwei weitere unbekannte Schreiber waren an der Anfertigung dieses Stimmensatzes beteiligt. Von Johann Sebastian Bach selbst stammen die Stimmen für die Solovioline und die Viola der ersten beiden Sätze sowie alle Streicherstimmen des dritten Satzes.
 Der erste Satz beginnt mit einem aufwärts gerichteten Quartsprung, der in verschiedensten Konstellationen und Situationen in allen Stimmen immer wieder zu finden ist. Das erste Ritornell wird mit gleich zwei Trugschlüssen hintereinander zuerst in den Sekundakkord der Dominante, dann in die Durparallele verlängert. In der ersten Episode tritt die Solo-Violine in Erscheinung, begleitet von verkürzten Varianten des Hauptthemas. Der Quartsprung jetzt verdoppelt im Viertelabstand. Das 2. Ritornell erscheint in C-Dur, variiert mit solistischen Unterbrechungen der Violine. Und wieder erscheinen die beiden Trugschlüsse, jetzt in größerem Abstand voneinander. Die 2. Episode beginnt in e-Moll und variiert alsbald eine Passage des Ritornells. Mitten in diese Episode spielt das Orchester eine Scheinreprise des Ritornells, das das solistische Spiel der Violine aber nicht beendet. Sie bleibt weiterhin in der Verarbeitung des vorherigen. Das 3. Ritornell schließlich steht wieder in a-Moll, ähnelt in der Form aber dem 2. Ritornell und endet nach den beiden Trugschlüssen überraschend schnell.
 Das Andante in C-Dur beginnt mit einer viertaktigen Passage mit der Melodie im Bass, die drei orgelpunktartige Achteltöne und kurze Aufwärtsschleifer dazwischen kombiniert, begleitet von einer abgesetzten Akkordfolge der Streicher. Nach vier Takten wird diese Figur auf Violinen und Bratschen reduziert und die Solo-Violine tritt mit einer frei bewegten Linie hinzu, die sich im folgenden vielfältig variiert entfalten kann, während die Begleitbesetzungen wechseln.
 Der dritte Satz trägt mit seinem schnellen 9/8-Takt einen Gigue-Charakter. Er startet mit einer Fugenexposition, dessen Thema wieder mit einem Quartsprung aufwärts beginnt und damit an den ersten Satz erinnert. Im Comes wird daraus ein Quintsprung. Die Episode eröffnet die Solo-Violine mit einem eigenen Thema, das verändert wiederholt wird, immer wieder unterbrochen durch das Fugenthema. Aus vollem Lauf nimmt auch die Solo-Violine das Fugenthema wieder auf, doch eine Durchführung des Themas unterbleibt, stattdessen landet der Satz immer wieder in virtuosen Solo-Passagen der Violine. Nach einer Arpeggienpassage scheint sich mit einem Haltepunkt auf der Dominante der Schluss anzukündigen. Erneut erscheint das Fugenthema, doch wieder mündet der Satz in eine begleitete Kadenz. In der Begleitung erscheinen nun gehäuft die Themenanfänge, die schließlich doch noch in eine richtige Reprise mit vierstimmiger Fugenexposition führt, die den Satz beendet.


Philippe Herreweghe

Leitung: Philippe Herreweghe

wurde 1947 in Gent geboren. Er studierte am Genter Konservatorium Klavier, Cembalo und Orgel. Danach studierte er Medizin und spezialisierte sich auf Psychiatrie. Während seiner Studienzeit leitete er einen Chor. Sein Ensemble, das anfangs noch Amateurstatus hatte, fand bei Musikern wie Nikolaus Harnoncourt oder Gustav Leonhardt Beachtung. So wirkte er an Harnoncourts Gesamteinspielung der Bachkantaten mit.
 Er gehört zu den wichtigen Protagonisten der historischen Aufführungspraxis. Mit verschiedenen Chören und Ensembles beschäftigte er sich vor allem mit vorbarocker Musik, mit den Bachschen Kantaten und der französischen Barockmusik des 17. Jahrhunderts. 1982 übernahm er die künstlerische Leitung des Festivals für Alte Musik in Saintes. Seit 1999 ist er erster Dirigent der „Königlichen Philharmonie von Flandern“ mit Sitz in Antwerpen. 2010 erfolgte die Gründung des eigenen CD-Labels „phi“. Die erste Aufnahme galt Gustav Mahlers 4. Symphonie.

Vilde Frang

Violine: Vilde Frang

wurde 1986 in Oslo geboren und begann mit dem Geigenspiel im Alter von vier Jahren. Von 1993 bis 2002 studierte sie am Barratt-Due-Musikinstitut in Oslo bei Stephan Barratt-Due, Alf Richard Kraggerud und Henning Kraggerud. Im Jahr 1998 wurde Anne-Sophie Mutter ihre Mentorin, die ihr ein Stipendium des Freundeskreises Anne-Sophie Mutter Stiftung ermöglichte. Von 2003 bis 2009 setzte sie ihre Studien an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg bei Kolja Blacher und an der Kronberg Academy bei Ana Chumachenco fort. Am 1. Mai 2016 debütierte Vilde Frang bei den Berliner Philharmonikern unter Sir Simon Rattle. In Røros, Norwegen, spielte sie beim Europa-Konzert das Violinkonzert von Felix Mendelssohn-Bartholdy. Sie ist Inhaberin einer Professur an der Norwegischen Musikhochschule.
Sie spielt eine Violine von Jean-Baptiste Vuillaume aus dem Jahr 1866.