Einführung zu den Konzerten des Rundfunk-Sinfonie-Orchesters des Hessischen Rundfunks am 9. und 10. Dezember 2021


Sofija Gubajdulina: Dialog: Ich und Du, 3. Violinkonzert

Sofija Gubajdulina
Sofija Gubajdulina (* 1931 in Čistipol' - Tatarische Republik)

Bis 1954 erhielt Sofija Gubajdulina ihre Ausbildung am Konservatorium von Kasan in den Fächern Klavier und Komposition. Bis 1959 studierte sie dann Komposition bei Nikolaj Pejko, einem Assistenten von Dmitrij Šostakovič, am Moskauer Konservatorium. Anschließend erfolgte eine Aspirantur bei Vissarion Šebalin. Seit 1963 ist Sofija Gubajdulina als freischaffende Komponistin tätig. 1975 gründete sie zusammen mit den Komponisten Vjačeslav Artëmov und Wiktor Suslin die Gruppe „Astraea“, in der man auf seltenen russischen, kaukasischen sowie mittel- und ostasiatischen Volks- und Ritualinstrumenten improvisierte und zu bisher unbekannten Klangerlebnissen und neuen Erfahrungen musikalischer Zeit gelangte, was ihr Schaffen wesentlich beeinflusste. Nach einer mehrjährigen Unterbrechung ließen Sofija Gubajdulina und Wiktor Suslin die Idee der Gruppe „Astraea“ in den neunziger Jahren neu aufleben. Seit Beginn der achtziger Jahre gelangten ihre Werke insbesondere dank des tatkräftigen Einsatzes von Gidon Kremer in die westlichen Konzertprogramme, so dass die Komponistin heute neben Al'fred Šnitke, Edison Denisov und Valentyn Silvestrov zu den führenden Vertretern der Neuen Musik aus der ehemaligen Sowjetunion gerechnet wird.
 Wenn Sofija Gubajdulina auch auf Grund ihrer Erziehung dem russischen Kulturkreis zuzurechnen ist, so spielt doch ihre tatarische Abstammung in ihrem Schaffen eine nicht unbedeutende Rolle. Sie ist dabei aber keine Nationalkomponistin nach romantischem Verständnis, sondern eine Komponistin unserer Zeit, die alle Techniken ihres Handwerks beherrscht und sich Erkenntnisse der europäischen und amerikanischen Avantgarde für ihre Zwecke nutzbar macht. Auch Elemente östlicher Philosophie sind in ihre Musik eingeflossen.
 1991 siedelte Gubajdulina nach Hamburg über, wo sie seitdem lebt.
 Typisch für Gubajdulinas Schaffen ist das nahezu vollständige Fehlen von absoluter Musik. In ihren Werken gibt es fast immer etwas, das über das rein Musikalische hinausgeht. Dies kann ein dichterischer Text sein, der Musik unterlegt oder zwischen den Zeilen verborgen, ein Ritual oder irgendeine instrumentale „Aktion“. Einige ihrer Partituren zeugen von ihrer Beschäftigung mit mystischem Gedankengut und christlicher Symbolik. Ihr literarisches Interesse ist sehr vielseitig. So vertonte sie altägyptische und persische Dichter, aber auch Lyrik des 20. Jahrhunderts, etwa Verse von Marina Cvetaeva, zu der sie eine tiefe geistige Verwandtschaft empfindet.
„Als Ideal betrachte ich ein solches Verhältnis zur Tradition und zu neuen Kompositionsmitteln, bei dem der Künstler alle Mittel, sowohl neue als auch traditionelle, beherrscht, aber so, als schenke er weder den einen noch den anderen Beachtung. Es gibt Komponisten, die ihre Werke sehr bewusst bauen, ich zähle mich dagegen zu denen, die ihre Werke eher ‚züchten‘. Und darum bildet die gesamte von mir aufgenommene Welt gleichsam die Wurzeln eines Baumes und das daraus gewachsene Werk seine Zweige und Blätter. Man kann sie zwar als neu bezeichnen, aber es sind eben dennoch Blätter, und unter diesem Gesichtspunkt sind sie immer traditionell, alt.
 Den größten Einfluss auf meine Arbeit hatten Dmitrij Šostakovič und Anton Webern. Obwohl dieser Einfluss in meiner Musik scheinbar keine Spuren hinterlassen hat, ist es doch so, dass mich diese beiden Komponisten das Wichtigste gelehrt haben: ich selbst zu sein.“



Dialog: Ich und Du, 3. Violinkonzert

Orchesterbesetzung: Solo-Violine 4 Flöten (eine auch Piccolo), 3 Oboen, 5 Klarinetten (eine auch Es-Klarinette, eine auch Bassklarinette), 4 Fagotte (eines auch Kontrafagott) 4 Hörner, 4 Trompeten, 4 Posaunen, 2 Tuben (zweite auch Kontrabasstuba) Pauken, 5 Schlagzeuge (zwei auch Pauken), 2 Harfen, Celesta Streicher
Spieldauer: ca. 20 Min.
Auftrag: Trans-Siberian Art Festival
Uraufführung: 2. April 2018 in Nowosibirsk, Wadim Repin Violine, Philharmonisches Orchester Nowosibirsk, Andres Mustonen Ltg.

Der Titel bezieht sich auf das gleichnamige Buch des Religionsphilosophen Martin Buber (Ich und Du, 1923), in dem er die Welt als „zweigeteilt“ beschreibt auch weil der Mensch sie oft mit gegensätzlichen Wortpaaren zu beschreiben versucht. Im Violinkonzert kann er auf die musikalische Situation des Solo-Instruments in seiner Relation zu dem Orchester, auf einen inneren Dialog oder auch auf die Beziehung Mensch Gott bezogen werden.
 Eine in Einzelfiguren aufgeteilte, chromatisch aufsteigende, auftaktig umspielte Linie lässt sich als zentrales Thema ausmachen, das am Anfang von der Solo-Violine etabliert und vom Orchester aufgenommen, wiederholt und eigenständig entwickelt, aber auch teils in großen unisono-Linien, teils mit einzelnen oder wiederholten Akkorden kontrastiert wird. Die Entwicklung ist kleinteilig, intuitiv, nicht vorhersehbar und folgt keiner erkennbaren musikalischen Form. Die Dialog-Partner wechseln ständig, auch innerhalb des Orchesters gibt es immer wieder diskursive Strukturen. Häufig wird der Dialog für eine Generalpause oder eine Solokadenz unterbrochen. Sich verdichtende, dramatische Ausbrüche werden folgenlos abgebrochen, sie stehen für sich, ohne dass eine deutliche Entwicklungsrichtung eingeschlagen wird. Die Klangwelt ist von vielfältigen Instrumentalkombinationen gekennzeichnet, das Schlagzeug, die Celesta, die beiden Harfen spielen zentrale Rollen dabei. Der Dialog kennt heftige Auseinandersetzungen genauso wie Übereinstimmungen. Oft schließen Figuren mit demselben Ton aneinander an und der Wechsel der Instrumente wird verschleiert. Steigende und fallende Linien und Felder, Verdichtungen und Reduktionen, Farbübergänge und abrupte -wechsel reihen sich aneinander. Ziemlich genau in der Mitte des Stückes lässt ein großes, immer langsamer werdendes Solo auf der großen Trommel die Entwicklung einhalten, um dann wieder in den Dialog einzusetzen.
 Das zentrale Thema bleibt über das ganze Stück erkennbar präsent, auch da, wo es fragmentiert, variiert oder weiterentwickelt wird. Seine Einteilung in einzelne Figuren bildet die Gesamtform des Stückes ab, das aus vielen aneinandergereihten Einzelteilen besteht.
 Am Ende driften Soloinstrument und Orchester weit auseinander. Das Solo-Instrument steigt zu einem langen, ausgehaltenen Ton auf, während das Orchester zum resonanten Grundbeben tiefer Bläser, Tuben und Posaunen herabsteigt. Die Schlagzeuger dröhnen. Zuerst das dreigestrichene B, dann das viergestrichene A der Violine am Rand des möglichen Tonumfangs wird von einem überraschenden, stehenden D-Moll-Akkord in tiefer Lage des Orchesters untermauert. In diesen langgezogenen Schlußklang spielt die Pauke noch einmal mit einer verlangsamenden Struktur auf das Solo der großen Trommel an und der Dialog erstirbt mit ihren einzelnen immer leiser werdenen Anschlägen.


Alain Altinoglu

Leitung: Alain Altinoglu

Der 1975 in Paris geborene Dirigent armenischer Abstammung studierte am Pariser Conservatoire National Supérieur de Musique et de Danse, an dem er seitdem auch selbst unterrichtet und seit 2014 die Dirigierklasse leitet. 2016 wurde Altinoglu Directeur Musical des Théâtre Royal de la Monnaie in Brüssel, gerade hat er dort seinen Vertrag bis 2025 verlängert. Neben seiner Tätigkeit als Dirigent begleitet er seine Ehefrau, die Mezzosopranistin und Liedsängerin Nora Gubisch am Klavier und macht hin und wieder auch Ausflüge in den Bereich von Jazz und Improvisation. Ab 2021 wird er Chefdirigent des hr-Sinfonieorchesters.

Baida Skride

Violine: Baida Skride

wurde 1981 in Riga geboren. Sie entstammt einer Musikerfamilie und erhielt schon mit 4 Jahren Geigenunterricht an der Musikschule. Später besuchte sie eine Spezialschule für Musiktalente in Riga. Seit 1995 studierte sie an der Hochschule für Musik und Theater Rostock bei Petru Munteanu. Sie pendelte lange Zeit zwischen der Spezialschule in Riga und der Hochschule in Rostock. Meisterkurse bei Ruggiero Ricci und Lewis Kaplan folgten. 2004 debütierte sie bei den Salzburger Festspielen. Seitdem konzertierte sie mit zahlreichen renommierten Orchestern in Europa, den USA, Tokio, Seoul und Melbourne. Kammermusikalisch tritt sie mit verschiedenen Musikern auf, u.a. mit ihren Schwestern, Lauma Klavier und Linda Viola. Sie lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in Hamburg.
Sie spielt die Stradivari „Yfrah Neaman“, eine Leihgabe der Familie Neaman.