Einführung zu den Konzerten des Rundfunk-Sinfonie-Orchesters des Hessischen Rundfunks am 7. und 8. Oktober 2021


Joseph Haydn: Konzert für Violoncello und Orchester D-Dur, Hob. VIIb:2

Joseph Haydn
Joseph Haydn (* 1732 in Rohrau bei Bruck a.d. Leitha; † 1809 in Wien)

Joseph Haydn hat die abendländische Musik tiefgreifender verändert, als irgendein Komponist vor oder nach ihm und er konnte auf eine der glückhaftesten Künstlerexistenzen, von denen wir wissen, zurückblicken. „Ich war von der Welt abgesondert, niemand in meiner Nähe konnte mich an mir selbst irremachen und quälen, und so musste ich original werden.“ Ein großer Anteil der heute für selbstverständlich genommenen Ingredienzien der Wiener Klassik, die Sinfonie, das Streichquartett, die Klaviersonate, das Oratorium oder die Sonatenhauptsatzform gehen auf Haydns „original werden“ zurück.
 Haydns musikalische Begabung wurde früh erkannt, bis 1749 sang er als Knabensopran in Hainburg an der Donau und in Wien. In den folgenden zehn Jahren versuchte er sich als freier Musiker zu etablieren, fungierte zeitweise als Kammerdiener, Reisecompagnon und Schüler von Niccola Porpora.
 1761 wurde er Vizekapellmeister im Hofstab einer der mächtigsten Persönlichkeiten der gesamten Donaumonarchie, des Fürsten Esterházy. In dessen Diensten sollte Haydn den größten Teil seiner Karriere, von 1761 bis 1790, verbringen. 1766, nach dem Tod des bisherigen Hofkapellmeisters, stieg er selbst in diese Position auf. Die Verpflichtungen eines Hofkapellmeisters an einem derart exponierten Hof brachten ein enormes Aufgabenpensum mit sich. Auf den drei Stammsitzen der Familie war Haydn sowohl als Komponist wie auch als ausführender Musiker zuständig für die Leitung des ständigen Orchesters, für kammermusikalische Soiréen sowie den allsommerlichen Opernbetrieb, was auch das Neu-Arrangieren und Komponieren von Opern mit einschloss. Die beiden Cello-Konzerte entstanden in dieser Zeit für ebenfalls am Hof angestellte Cellisten.



Konzert für Violoncello und Orchester D-Dur, Hob. VIIb:2 (1783)

Orchesterbesetzung: Solo-Violoncello 2 Oboen 2 Hörner Streicher
Sätze: 1. Allegro moderato
2. Adagio
3. Rondo Allegro
Spieldauer: ca. 24 Min.

Haydn komponierte das Konzert für den Cellisten Antonín Kraft, der von 1778 bis 1790 Cellist in der Esterházyschen Kapelle war. Um 1800 teilte er sich mit seinem Sohn Nicolaus den Ruf, der beste Cellist in Wien zu sein. Lange Zeit galt das Werk als nicht authentisch, bis man 1951 das Manuskript mit Haydns Handschrift fand.
 Das etwa 24-minütige Konzert in D-dur ist kantabler und lyrischer als das vorhergehende erste Cellokonzert in C-dur. Haydn hatte 1781 Wolfgang Amadeus Mozart kennen gelernt und sich dessen kantable Melodik in den schnellen Sätzen, das „Singende Allegro“ abgeschaut.
 Der erste Satz ist mit 14 Minuten deutlich länger als die anderen beiden zusammen. Ihm liegt die Sonatenform zugrunde. Die Exposition stellt ganz klassisch die beiden Themen nebst einem Epilogmotiv zunächst im Tutti, dann im Solopart vor. Die Durchführung beginnt solistisch mit dem 1. Thema und der Abspaltung des 2. Themas, dann setzt ein modulatorischer Teil mit Quintfallsequenz und zwei episodischen Moll-Motiven ein. Abermals in der Funktion eines Ritornells schließt das Tutti mit einer neuerlichen Quintfallsequenz und dem Epilogmotiv die Durchführung ab. Die Reprise beginnt wieder solistisch mit erstem und zweitem Thema sowie Figurationen. Die Coda bringt eine Dialog von Tutti und Solo. Das Tutti leitet mit dem Epilogmotiv den Schluss ein, wird dann aber durch die Kadenz unterbrochen.
 Der zweite Satz ist ein Rondo in A-dur. Der Refrain wird zunächst vom Solisten zart, ohne Bläser und Kontrabass, mit parallelen Terzen in den Violinen vorgestellt. Das 1. Couplet ist dem Solisten gewidmet, der eine zum Teil etwas figurierte Kantilene zu getupfter Piano-Begleitung der Streicher ausspielt. Der folgende Refrain bleibt dezent. Statt einer Tutti-Wiederholung des Refrains setzt das 2. Couplet mit einer akkordisch geprägten Orchestergeste in a-moll ein. Der abschließende Refrain enthält eine Kadenz, bevor der Satz im piano schließt.
 Der Schluss-Satz ist der kürzeste. Es ist ein fröhliches Rondo mit Kehraus-Charakter. Das Refrainthema ist in zwei Halbsätze mit zweitaktigen Phrasen gegliedert. Die erste Phrase ist der Kern, aus dem das ganze Thema durch Variation weiterentwickelt wird. Wie im zweiten Satz wird der Refrain dezent im Solo ohne Bläser und Kontrabass im lichten Streichersatz mit parallelen Violinen vorgestellt und dann vom Tutti wiederholt. Das kurze 1. Couplet beginnt in hoher Lage mit einem neuen Motiv und läuft in schnellen Dreiklangsfiguren aus. Der leicht variierte Refrain mit Solo/Tutti-Wechsel grenzt ein langes 2. Couplet ab, das gespickt ist mit Schwierigkeiten: schnelle Dreiklangsbrechungen in hoher Lage, Doppelgriffe, große Sprünge. Auch der 3. Refrain ist wieder leicht variiert, während die Wiederholung im Tutti den Charakter durch forte und Moll ins Energisch-Dramatische ändert. Das 3. Couplet, auch in Moll, steigert nochmals die Schwierigkeiten durch schnelle Oktavdoppelgriffe. Raffiniert bringt Haydn auch zwei Refrain-Zitate, das erste in parallelen Terzdoppelgriffen. Der letzte Refrain entspricht dem zweiten und steht wieder in Dur. Die Coda bietet zunächst einen effektvollen Dialog zwischen Bläsern (Refrainthema) und Solist (rasante Dreiklangsbrechungen), um dann im Fortissimo-Jubel den Kehraus auf die Spitze zu treiben.


Richard Egarr

Leitung: Richard Egarr

wurde 1963 in Lincoln/GB geboren. Egarr erhielt seine frühe musikalische Ausbildung als Chorsänger am York Minster, später an der Chetham's School of Music in Manchester. Anschließend war er Orgelschüler am Clare College der Universität Cambridge und absolvierte die Guildhall School of Music and Drama in London. Angeregt durch seinen Mitstudenten Gustav Leonhardt interessierte er sich schon früh für die Historische Aufführungspraxis. Egarr hat die Fähigkeit, alle möglichen Tasteninstrumenten zu bespielen. Er beherrscht das musikalische Repertoire der Tasteninstrumente seit Beginn der Intabulierung über Dussek, Chopin bis hin zu Berg und Davies. Im Jahr 2006 trat er die Nachfolge von Christopher Hogwood als musikalischer Direktor bei der Academy of Ancient Music an.

Steven Isserlis

Violoncello: Steven Isserlis

wurde 1958 in London geboren. Er besuchte die City of London School, die er im Alter von 14 Jahren verließ, um nach Schottland zu ziehen, wo er bei Jane Cowan studierte. Von 1976 bis 1978 studierte Isserlis am Oberlin Conservatory of Music bei Richard Kapuscinski. Er konzertiert sowohl als Solist, als Kammermusiker als auch mit Orchestern. Er hat viele Uraufführungen von zeitgenössischen Kompositionen gespielt, konzertiert aber auch oft mit Ensembles mit historischen Instrumenten. 2008 gab er sein Debüt als Dirigent mit dem Irish Chamber Orchestra in Dublin. Er ist künstlerischer Leiter des International Musicians Seminar, Prussia Cove in West Cornwall. Seine Aufnahme von Haydns Cellokonzerten wurde 2017 für einen Grammy Award nominiert.
Er spielt das Stradivarius-Cello des Marquis de Corberon (Nelsova) von 1726.