Einführung zu dem Konzert des Rundfunk-Sinfonie-Orchesters des Hessischen Rundfunks am 19.November 2021


Witold Lutosławski: Konzert für Orchester

Witold Lutosławski
Witold Lutosławski (* 1913 in Warschau; † 1994 in Warschau)

Lutosławski erhielt als Kind Klavier- und Violinunterricht. Ab 1927 besuchte er das Warschauer Konservatorium und nahm privaten Theorie- und Kompositionsunterricht bei Witold Maliszewski. 1931 bis 1933 studierte er Mathematik an der Warschauer Universität. 1931 nahm er sein Studium am Warschauer Konservatorium wieder auf, wo er Klavier bei Jerzy Lefeld und musikalische Formenlehre sowie Komposition bei Maliszewski studierte. Während der deutschen Okkupation Polens spielte er in Kaffeehäusern Klavier im Duo mit Andrzej Panufnik. Beide Komponisten transkribierten damals rund 200 Werke aus verschiedenen Epochen von Bach bis Ravel und Gershwin. Diese Arbeiten verbrannten während des Warschauer Aufstands; erhalten geblieben ist nur Lutosławskis Transkription der 24. Caprice von Paganini, die später als Wariacje na temat Paganiniego in der Version für zwei Klaviere (1949) sowie für Klavier und Orchester (1978) herausgegeben wurde. Nach dem Krieg beteiligte sich Lutosławski im Verband der polnischen Komponisten. In der ersten Dekade nach dem Krieg komponierte er viele Lieder für Kinder sowie Werke, in denen er polnische Folklore stilisierte, etwa Mala suita für Kammerorchester (1950), Tryptyk'šląski für Sopran und Orchester (1951) und das Konzert für Orchester (1950-1954), außerdem unter dem Pseudonym Derwid Unterhaltungsmusik. Mitte der 1950er Jahre erweiterte Lutosławski seine Kompositionstechnik um Serialität, etwa Muzyka zalobna (1954-1958), und Aleatorik, etwa Gry weneckie (1960/61).
 Lutosławskis Werk lässt sich grob in drei unterschiedene Schaffensperioden einteilen: Die frühe Periode reicht bis 1955 und ist charakterisiert durch eine neoklassizistische Orientierung und die Verwendung von folkloristischen Elementen. Die mittlere Periode von 1956 bis 1979 bringt neue harmonische Verfahren und originelle Verwendung von Tonreihen, Verwendung von kontrollierter Aleatorik und neuen Formkonzeptionen. In den 1980er Jahren ist die Rolle der kontrollierten Aleatorik zurückgenommen, die Harmonik vereinfacht und die Melodie tritt in den Vordergrund.
 Ab 1963 dirigierte er seine eigenen Werke; sein erster Auftritt erfolgte bei der Aufführung von Trois poèmes d'Henri Michaux für gemischten Chor und Orchester (1963), das zwei Dirigenten erfordert. Im Laufe der Jahre unternahm der Komponist immer mehr Konzertreisen und hielt Vorlesungen zur zeitgenössischen Musik, darunter über sein eigenes Schaffen. In den 1980er Jahren schränkte er diese Tätigkeiten ein. Lutosławskis Musik fand schon zu Lebzeiten des Komponisten hohe Anerkennung; davon zeugen sowohl die Ehrenmitgliedschaften, die ihm vom Komponistenverband und von zahlreichen Akademien zuerkannt wurden, als auch Preise und Auszeichnungen in Polen und im Ausland.



Konzert für Orchester (1950-54)

Orchesterbesetzung: 3 Flöten (zwei auch Piccolo), 3 Oboen (eine auch Englischhorn), 3 Klarinetten (eine auch Bassklarinette, 3 Fagotte (eines auch Kontrafagott) 4 Hörner, 4 Trompeten, 4 Posaunen, Tuba Pauken, 5 Schlagzeuge, 2 Harfen, Klavier, Celesta Streicher
Sätze: 1. Intrada: Allegro maestoso
2. Capriccio notturno ed Arioso: Vivace
3. Passacaglia, Toccata e Corale: Andante con moto - Allegro giusto
Spieldauer: ca. 30 Min.
Uraufführung: 26. November 1954 in Warschau, Orkiestra Symfoniczna Filharmonii Narodwej, Witold Rowicki Ltg.

Der Dirigent der Warschauer Philharmonie, Witold Rowicki, hatte Lutosławski gebeten, ein Werk zu schreiben, das für das Orchester eine Herausforderung darstellen sollte. Lutosławski gelang damit ein Kunststück: Er bediente die Forderung des stalinistisch orientierten Staates nach Volkstümlichkeit, indem er sie zugleich raffiniert unterlief. Er verwendete für sein Konzert für Orchester ein altes polnisches Liederbuch mit Musik der Kurpie-Region im nordöstlichen Tiefland Polens gelegen aber er nutzte sie als musikalischen Steinbruch, löste Motive heraus, fragmentierte, veränderte das folkloristische Material bis zur Unkenntlichkeit, verlieh ihm neue Harmonien, fügte atonale Kontrapunkte hinzu und verwandelte es in neobarocke Formen. Die Uraufführung wurde ein großer Erfolg. Als er Anfang der 1960er Jahre zu einem aleatorischen Stil überging, wollte er sich von dem Konzert für Orchester distanzieren. Nachdem er aber von einer dänischen Stiftung einen mit 10.000 Dollar dotierten Preis erhalten hatte, dirigierte er es im August 1967 in Kopenhagen und akzeptierte es als das einzige gültige Werk aus dieser Lebensphase. Es ist bis heute seine meistgespielte Komposition.
 Der erste Satz ist eine Art ausgedehnter Ouvertüre, die im 9/8-Takt auf einem ostinaten, überaus bedrohlich wirkenden Paukenschlag beginnt, über dem sich ein erstes Thema der Celli erhebt, das alsbald fugatoartig von anderen Streichern, später von den Holzbläsern verarbeitet und zu einem ersten Höhepunkt geführt wird. Die Holzbläser bringen ein spielerisch leichtes Zwischenspiel, ohne Paukenschläge, nur durch einzelne Streicherakkorde im pizzicato unterbrochen. Das zweite Thema, ein kräftiger, fanfarenartiger Einsatz der Streicher und kurz danach auch der Blechbläser, das als Eingangsmusik des ZDF-Magazins in den 1970er und 1980er Jahren verwendet wurde, führt in eine repetitive Struktur, die sich in ein vielstimmiges Verwirrspiel auflöst, nur unterbrochen durch einzelne kräftige Orchesterschläge. Die Wiederholung der Fanfare führt in eine Art Umkehrung, erneut in Repetitives und einen langsamen Auflösungsprozess. Nach einer Generalpause wird der Anfang mit den Holzbläsern und Violinen in hoher Lage wiederaufgenommen; das Celesta übernimmt die Rolle der Pauke. Damit verklingt der Satz.
 Der zweite Satz hat eine ABA-Form. Das Capriccio ist ein luftiges, virtuoses Scherzo, dessen Hauptthema von der Violine intoniert wird, gefolgt von den übrigen Streichern und Holzbläsern. Es folgt ein ausdrucksvolles Arioso, das von den Blechbläsern eingeleitet wird. Die Wiederholung des Capriccios wird von Celli und Harfe intoniert. Der Satz verklingt in tiefer Lage mit immer leiserem Grollen von Schlagzeug, Kontrabässen und Bassklarinette.
 Der dritte Satz ist dreiteilig. Er beginnt mit einer Passacaglia, einer einfachen Bassfigur, geführt von den Kontrabässen und der Harfe, über die zunächst das Englischhorn, dann immer mehr Instrumente motivisch ähnliche Figuren spielen. Die Verdichtung bringt eine zunehmende Dramatik, die das ganze Orchester in immer wieder neue Konstellationen bringt. Am Ende verklingt das Passacaglia-Motiv in höchster Lage in der Violine. Die Toccata beginnt sofort in hohem Tempo und wechselt schnelle Passagen mit heftigen Akkordschlägen ab. Das ganze Orchester ist beteiligt, doch gibt es immer wieder abrupte Rücknahmen, aus denen sich dann schnell wieder eine hohe Dramatik entwickelt. Und plötzlich entsteht aus einer solchen Rücknahme der dritte Teil, der Choral. Die Holzbläser beginnen; doch die Rollenverteilung wechselt. Ein leichtes und luftiges Zwischenspiel erinnert an das aus dem ersten Satz, bevor die Blechbläser mit dem Choral erneut einsetzen. Eine ausgedehnte und groß besetzte Stretta führt in einen dramatischen Schluss.


Krzysztof Urbański

Leitung: Krzysztof Urbański

wurde 1982 in Polen geboren. Er studierte bis 2007 an der Fryderyk-Chopin-Universität für Musik in Warschau. Im selben Jahr wurde er stellvertretender Dirigent bei den Warschauer Philharmonikern und gewann den ersten Preis beim Internationalen Dirigenten-Wettbewerb in Prag. Von 2010 bis 2017 war er Chefdirigent des Trondheim Symfoniorkester in Norwegen. Im Oktober 2010 dirigierte er erstmals das hr-Sinfonieorchester. Seit 2011 ist er Musikdirektor des Indianapolis Symphony Orchestra. Außerdem berief ihn die Jacobs School of Music der Indiana University im Wintersemester 2011/2012 zum außerordentlichen Professor im Fach Orchesterdirigieren. 2015 wurde er mit dem Leonard Bernstein Award ausgezeichnet. Von 2015 bis 2021 wirkte er zudem als Erster Gastdirigent am NDR Elbphilharmonie Orchester. 2019 wurde bekannt, dass Urbański seine Amtszeit als Chefdirigent in Indianapolis 2021 beenden wird.