Einführung zur Orchesterprobe des Rundfunk-Sinfonie-Orchesters des Hessischen Rundfunks am 14. Mai 2019


Jean Sibelius: 2. Symphonie

Jean Sibelius
Johan Julius Christian („Jean“) Sibelius (* 1865 in Hämeenlinna; † 1957 in Järvenpää bei Helsinki)

Jean Sibelius erhielt früh Musikunterricht, nahm während seines Jurastudiums in Helsinki bei Martin Wegelius Violin- und Theorieunterricht und widmete sich bald ausschließlich der Musik. 1889 bis 1890 waren Albert Becker und Woldemar Bargiel in Berlin und bis 1891 Robert Fuchs und Károly Goldmark in Wien seine Lehrer. Er orientierte sich mehr an Bruckner als an Wagner oder Brahms. Im Jahr 1891 kehrte er nach Finnland zurück, wurde über Vermittlung von Robert Kajanus mit einer Lehrtätigkeit am Musikinstitut und an der Orchesterschule von Helsinki betraut. Seine Forschungen über finnisch-karelische Volksmusik sowie seine Komposition eines tableau historique, dessen Finalsatz als Finnlandia bekannt wurde, und das eine direkte Reaktion auf die Russifizierungswelle Finnlands um 1899 war, verschafften ihm den Ruf als national-finnischer Komponist.
 Der Staat gewährte ihm bereits ab 1897 ein lebenslanges Stipendium, damit er sich ganz der kompositorischen Tätigkeit widmen konnte. Im Sommer 1900 präsentierte sich Finnland auf der Weltausstellung in Paris und Sibelius' Werke stellten einen nicht unerheblichen musikalischen Beitrag dar. Auch die Zahl der Aufführungen in Deutschland nahm zu. So verbreitete sich sein Ruf rasch in ganz Europa.
 Nach dem Ersten Weltkrieg schränkte er seine bisher sehr intensive Tätigkeit als Dirigent und Komponist stark ein, 1921 reiste er zum letzten Mal nach England, 1924 trat er ein letztes Mal als Dirigent auf und vollendete im selben Jahr seine letzte Symphonie; nach 1929 erschienen keine weiteren Kompositionen von seiner Hand.



Symphonie Nr. 2, Op. 43, D-Dur (1902)

Orchesterbesetzung: 2 Flöten, 2 Oboen, 2 Klarinetten, 2 Fagotte 4 Hörner, 3 Trompeten, 3 Posaunen, Tuba Pauken Streicher (16-14-12-10-08)
Sätze: 1. Allegretto
2. Tempo andante, ma rubato
3. Vivacissimo
4. Allegro moderato
Spieldauer: ca. 45 Min.
Uraufführung: Erstfassung: 8. März 1902, Helsinki, Helsinkier Philharmoniker, Jean Sibelius, Ltg.
Revid. Fassung: 10. November 1903, Stockholm, Armas Järnefelt, Ltg.

Die Symphonie hat nach traditionellem Muster vier Sätze, wobei allerdings der dritte Satz ohne Pause direkt in den vierten übergeht. Das Werk wächst organisch aus einem aufsteigenden Drei-Noten-Motiv heraus, das man zu Anfang hört und das in zahllosen Verwandlungen in der gesamten Symphonie immer wieder erscheint und auch das dramatische Finale thematisch bestimmt.
 Der erste Satz beginnt mit dem sanften Gesang der Streichinstrumente in hellem D-Dur. Keimten die bedeutenden thematischen Materialien in der 1. Symphonie schon in der Klarinetteneinleitung, bildet die Linie von drei steigenden Tönen in den ersten Takten der 2. Symphonie eine Art Motto für die ganze Komposition. Nach dem Wechselspiel der Holzblasinstrumente und Hörner entsteht ein Nebenthema aus aphoristischen Teilchen, deren Zusammenhänge Sibelius erst Schritt für Schritt wie ein Entstehungsprozess aufdeckt. Währenddessen kehrt das erste Thema, das mit einer fallenden Quinte endet, in verschiedenen Beleuchtungen zurück. Das Themenmaterial des Anfangs erhält einen dramatischen Ausdruck und schließlich werden musikalischen Themata des Satzes in einer Synthese zusammengestellt. Trotz der zwischenzeitlichen Dramatik beendet die pastorale Idylle des Anfangs den Satz.
 Im zweiten Satz ist eine Don-Juan-Legende verarbeitet, die Sibelius in Italien kennenlernte. Es beginnt mit einer erstaunlich langen Pizzicato-Reihe der Kontrabässe und Violoncelli. Das erste zentrale Thema des Satzes klingt drohend an, als ob der Tod in Don Juans Zimmer einträte; die Bedrücktheit wächst. Auch wenn die Symphonie sich der Konkretheit der Geschichte entzieht, lassen sich die verzweifelten Argumente von Don Juan und die zwangsläufigen Antworten des Todes vorstellen. Das vom Fagott vorgestellte Thema bekommt als Gegenpart ein ätherisches und friedliches „Christus-Thema“, das schon in dem vorangegangenen dramatischen Kampf vorbereitet wurde. Jetzt beginnt der Kampf zwischen den zwei zentralen Themata sowie eine andauernde Metamorphose. Es ist wohl auch der Kampf zwischen Tod und Erlösung, für den während der Lebenszeit des Menschen keine Lösung gefunden werden kann. Das Spiel wird mit zwei Pizzicato-Impulsen abgebrochen.
 Der Beginn des Scherzo ist mindestens genauso wild wie im entsprechenden Satz der 1. Symphonie. Die Flöte stellt ein überraschend friedliches Thema dagegen und die Streichinstrumente begleiten. Das Tempo beruhigt sich in einem sanften Trio. Deren Thema beginnt mit einer neunmaligen Wiederholung eines Tons durch die Oboe. Sibelius wiederholt dann die verschiedenen Phasen des Scherzo. Aus dem steigenden Thema der drei Töne (jetzt: ges-as-b) bildet sich eine Brücke, die das Scherzo mit dem Finale verbindet.
 Das Hauptthema des Finales zeigt Sibelius am heldenhaftesten. Das steigende Thema der drei Töne kehrt, wie auch im ersten Satz, mit Streichinstrumenten und D-Dur zurück, aber die neue Antwort wird dieses Mal anstatt mit Holzblasinstrumenten mit Trompeten gegeben. Im Nebenthema steigen die Drohbilder des zweiten Satzes wieder empor, und die Oboe spielt das Thema, das nach Aussage von Aino Sibelius zum Gedächtnis ihrer Schwester Elli Järnefelt, die Selbstmord begangen hatte, komponiert worden war. Sibelius bringt ein Erlebnis von Übersinnlichkeit in die Musik bis der symphonische Strom wieder üppiger zu strömen anfängt. Sibelius wird immer breiter, das Dreiton-Motiv wird immer erneut wiederholt. Der Sibelius-Forscher Erkki Salmenhaara hat den Effekt erschütternd genannt, wenn endlich „das steigende Dreierton-Thema“ zum ersten Mal zum vierten Ton weiterspringt.
 Die äußerst populär gewordene 2. Symphonie ist mit ihrem grandiosen Finale in Finnland immer mit dem Kampf des Landes um seine Unabhängigkeit von Russland verbunden worden. Sibelius' Haltung zu diesem Thema ist häufig kontrovers diskutiert worden. Ob Sibelius solche patriotischen Ambitionen mit der Komposition verbunden hat oder nicht, lässt sich nicht mehr feststellen.


Susanne Mälkki

Leitung: Susanne Mälkki

Sie wurde zunächst als Cellistin ausgebildet und studierte anschließend Dirigieren in Helsinki. Von 1995 bis 1998 war sie Solo-Cellistin der Göteborger Symphoniker, bevor sie sich ganz dem Dirigieren zuwandte. Ab 2002 war sie Chefdirigentin des Stavanger Symphonieorchesters, ab 2006 leitete sie das Pariser Ensemble Intercontemporain. Sie brachte dort zahlreiche neue Kompositionen zur Uraufführung und wirkte an Musiktheaterproduktionen mit Werken von Kaija Saariaho und Morton Feldman mit. 2013 wurde sie Erste Gastdirigentin des Gulbenkian-Orchesters Lissabon, seit September 2014 Chefdirigentin der Helsinkier Philharmoniker.