Einführung zu den Konzerten des Rundfunk-Sinfonie-Orchesters des Hessischen Rundfunks am 31. März und 1. April 2022


Igor' Fëdorovič Stravinskij: Pogrebal'naja pesn' / Chant funèbre, op. 5

Igor' Stravinskij
Igor' Fëdorovič Stravinskij (* 1882 in Oranienbaum, Russland; † 1971 in New York)

Schon im Kindesalter nahm Stravinskij an Aufführungen und Proben in dem der elterlichen Wohnung nahegelegenen Mariinskij-Theater teil, an dem sein Vater als Opernsänger arbeitete. Als Gymnasiast besuchte er auch Sinfoniekonzerte und Klavierabende und erlebte viele bedeutende Musiker der Zeit. Vom neunten Lebensjahr bis zum Abitur erhielt er Klavierunterricht bei Leokadija Kašperova, einer Schülerin Anton Rubinštejns. Sie legte den Grund für seine spätere intensive Tätigkeit als Pianist. Neben dem Klavierunterricht erhielt er, ebenfalls bis zum Abitur, Unterweisung in Harmonielehre bei Fëdor Akimenko und Kontrapunkt bei Vasilij Kalafati, zwei ehemaligen Schülern Nikolaj Rimskij-Korsakovs. Als 12jähriger versuchte er sich an Klavierarrangements aus Opern und Balletten. In der Familie wurde Musik als schöne Liebhaberei der Söhne gefördert, aber nicht für ein ernsthaftes Studium in Erwägung gezogen.
 Der Familientradition entsprechend, schrieb er sich 1901 nach seinem Abitur an der juristischen Fakultät der Universität St. Petersburg ein und schloß sein Studium im April 1906 mit dem Staatsexamen ab eine lustlos absolvierte Ausbildung, die ihm aber eine Verwaltungslaufbahn eröffnete. Er nahm weder am akademischen Betrieb teil noch fühlte er sich zu den studentischen Unruhen, die 1905 teilweise zur Schließung der Universität führten, hingezogen. Stattdessen betrieb er ernsthafte musikalische Studien, die schon seit der Schulzeit besonders durch den Onkel Aleksandr Elačičš gefördert wurden, der ein glühender Musikliebhaber war und ihn mit Beethoven und Brahms vertraut machte.
 Im August 1902 suchte Stravinskij während eines Sommeraufenthaltes in Deutschland Rimskij-Korsakov in Heidelberg auf, zeigte ihm einige Kompositionen und erhielt dann bis 1905 außerhalb des Konservatoriums „das kostbare Geschenk seines unvergeßlichen Unterrichts“: wöchentlich zwei Doppelstunden Privatunterricht in Werkanalyse und Instrumentation. Daneben betrieb er private Kontrapunktstudien. Bei den wöchentlichen Soireen im Hause Rimskij-Korsakovs begegnete er ausländischen Musikern, die seinen Lehrer besuchten, etwa Arthur Nikisch und Gustav Mahler, und lernte Komponisten, bildende Künstler, Literaten und andere Persönlichkeiten kennen.
 Nach Abschluß des Jura-Studiums verlobte sich Stravinskij mit Ekaterina Gavrilovna Nosenko, der um ein Jahr älteren Tochter eines Onkels mütterlicherseits. Sie heirateten 1906, trotz des Verbot von ‚Mischehen’ zwischen Vettern und Cousinen ersten Grades, in St. Petersburg.
 Unter der Anleitung Rimskij-Korsakovs entstanden mehrere großangelegte Werke: die viersätzige fis-Moll-Sonate für Klavier (1903/04) und vor allem die Symphonie Es-Dur Op. 1 (1905-1907), die seinem „teuren Lehrer“ gewidmet wurde. Im Frühjahr 1908 war das Orchesterstück Fejerverk/Feu d'artifice beendet, das als Geschenk zur Hochzeit von Maksimilian Štejnberg, einem anderen vertrauten Schüler Rimskij-Korsakovs, und dessen Tochter Nadešda gedacht war. Kurz nach deren Vermählung, am 21. Juni 1908, starb der Lehrer. Stravinskij war tief bewegt und komponierte nach der Rückkehr nach Ustilug seinen Pogrebal'naja pesn' / Chant funèbre op. 5, der anläßlich eines Gedenkkonzertes im Januar 1909 in St. Petersburg aufgeführt wurde.



Pogrebal'naja pesn' / Chant funèbre, op. 5 (1908)

Orchesterbesetzung: 3 Flöten (eine auch Piccolo), 3 Oboen (eine auch Englischhorn), 3 Klarinetten (eine auch Bassklarinette) 3 Fagotte (eines auch Kontrafagott) 4 Hörner, 3 Trompeten, 3 Posaunen, Tuba Pauken, 2 Schlagzeuge, 2 Harfen Streicher
Tempo: Largo assai
Spieldauer: ca. 12 Min.
Uraufführung: 17. Januar 1909, St. Petersburg, Graf Šeremetev's Orchester, Felix Blumenfeld Ltg.;
2. Dezember 2016, St. Petersburg, Orchester des Mariinskij-Theaters, Valerij Gergiev Ltg.

Die Partitur des Werkes ging nach der ersten Aufführung verloren. Erst im Frühjahr 2015 wurden in der Bibliothek des Sankt Petersburger Konservatoriums die Orchesterstimmen für das Werk gefunden. Nach der Erstellung einer neuen Gesamtpartitur wurde das Werk 2016 zum zweiten Mal und zum ersten Mal seit seiner Wiederentdeckung aufgeführt.
 Strawinsky bezeichnete das Werk in den 30er Jahren als „das beste meiner Werke vor dem Feuervogel und das am weitesten fortgeschrittene in der chromatischen Harmonik“, und beschrieb es als ein Stück, in dem „alle Soloinstrumente des Orchesters nacheinander am Grab des Meisters vorbeizogen, wobei jedes seine eigene Melodie als Kranz vor einem tiefen Hintergrund von Tremolo-Gemurmel, das die Schwingungen des Basses simuliert, niederlegte ...“
 Der Einfluss von Rimskij-Korsakov und Richard Wagner auf den jungen Stravinskij ist unüberhörbar. Das Stück bildet das fehlende Bindeglied zwischen seinem Frühwerk und dem Feuervogel. Auffällig ist, wie ausdrucksstark dieses Prozessionswerk ist, wenn sein trauerndes Thema zwischen den Instrumenten des Orchesters weitergegeben wird.
 In den ersten Takten exponiert Stravinskij mit kleinen Figuren aus gegenläufigen chromatischen Linien sein Material für die Begleitung in diesem Werk, ein Material, das sich im Laufe des Stückes immer weiter verändert. Anfangs wandern diese Figuren durch verschiedene Instrumentengruppen. Die Figuren werden in unterschiedlichen Tempi gebracht, die Streicher spielen durchweg im Tremolo. Dann beginnt das Horn ganz unbegleitet mit einer Melodie-Linie. Mit ihrem Ende beginnt erneut die Begleitstruktur, aus der sich dann immer wieder die Melodie-Linie herausschält, jedesmal mit anderen Instrumenten besetzt und in ihrer intervallischen Zusammensetzung und ihrer Rhythmik variiert.


Karina Canellakis

Leitung: Karina Canellakis

Die US-amerikanische Dirigentin wurde 1981 in New York geboren und wuchs dort in einer musikalischen Familie mit griechisch-russischen Wurzeln auf. Bis 2004 studierte sie Violine am Curtis Institute of Music. 2005 bis 2007 spielte sie in der Orchester-Akademie der Berliner Philharmoniker. 2011 bis 2013 studierte sie Dirigieren an der Juilliard School. 2014 bis 2016 arbeitete sie als Assistentin beim Dallas Symphony Orchestra, mit dem sie im Oktober 2014 auch ihr erstes Konzert dirigierte. Sie dirigierte das Chamber Orchestra of Europe, das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin und das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin. 2016 gewann sie den Sir Georg Solti Conducting Award. Im Herbst 2019 wurde sie Chefdirigentin des Radio Filharmonisch Orkest der Niederlande. Im April 2020 ernannte sie das London Philharmonic Orchestra zu seiner neuen Ersten Gastdirigentin. Ihr Vertrag als Chefdirigentin des Radio Filharmonisch Orkest wurde bis Juli 2027 verlängert.