Reflexion - Exstase - Zweifel

Versuch über Poesie

Er hat den Tag vor dem Abend
gelobt.
Und dann war alles nur eine
Zigarettenlänge, jahrtausendealtes
Lösen des Haares gegen das
Nichts.
Das Englische Fräulein erst von
Streptokokken, dann von einer
Bombe nochmals getötet.
Er kann sich vor Lächeln
nicht halten.

Warum dann nicht Flucht und Verzicht,
Davongehn ins Nichts-mehr-Sagen?
Warum dann noch Fragen,
Strophen und Reime, und nicht
Einfach Ahorn und Fichte?

Wozu noch Gedichte?
1

Seit Platon den Wert der Poesie für den Staat bestritt 2, versuchten immer wieder Dichter und Literaturwissenschaftler zu zeigen, welchen Nutzen die Dichtung für die Menschheit, für die Gesellschaft, für Bildung und Sprache hat, welches Entzücken, welche Freude sie auslöst, welche positiven Impulse sie Menschen gibt und wie die poetische Vorstellungskraft all das richtigstellt, was an den herrschenden Verhältnissen falsch und ungerecht ist, was Menschen daran empört und verbittert.

Manchmal sind dies zweifelnde Selbstbefragungen – wie in dem vorangestellten Gedicht von Otto Heinrich Kühner –, oft richten sie sich aber auch an die Leser mit der Frage, warum sich Menschen überhaupt dem mühsamen (und ja meist nicht sehr einträglichen) Geschäft des Dichtens widmen. Und sie versuchen, sich über die Wirkungsweise von Gedichten klar zu werden, formulieren ästhetische Regeln und Kriterien zur Beurteilung ihrer Qualität und beschreiben die Besonderheiten ihres ganz eigenen, poetischen Denkens.

Die Texte dieser Art aus Antike und Mittelalter setzen sich größtenteils mit Definitionsfragen, Gattungsabgrenzungen und Spekulationen über die Wirkung von Lyrik auseinander. Sir Philip Sidneys „Defence of Poetry” 3 von 1595 und Percy Bysshe Shelleys Essay „Verteidigung der Poesie” 4 von 1820 gehen darüber hinaus.

Sir Philip Sidney wendet sich gegen klerikale Angriffe auf fiktionale Literatur, er gibt der Dichtung den Vorrang vor Philosophie und Historie und begründet dies mit der Entwicklung der Sprachen durch die Poesie, auf die sich schließlich die Wissenschaften, die Philosophie wie die Theologie stützten.

Shelleys Text ist eine Antwort auf einen sarkastischen Artikel seines Freundes Thomas Love Peacock „The Four Ages of Poetry” 5, in dem dieser den Intellektuellen rät, die Finger von der nutzlosen Dichtung zu lassen und sich lieber der Ökonomie und Politik zuzuwenden, da diese für die Menschen wichtiger seien. Er knüpft damit provokativ an zeitgenössische Überzeugungen des englischen Bürgertums an. Shelley stellt eine Kette von Analogien auf, mit deren Hilfe er die zentrale Bedeutung der Dichtung für das menschliche Denken unter Beweis zu stellen sucht. Er geht von dem Begriffspaar Vernunft (τò λογιζειν 6) und Imagination (τò ποιειν 7) aus und ordnet der Vernunft die Analyse und die Aufzählung bekannter Größen zu, der Imagination hingegen die Synthese und die Wahrnehmung des Wertes von Größen. Die Vernunft beziehe sich auf den Unterschied der Dinge, die Imagination auf deren Ähnlichkeit. Die Vernunft verhielte sich zur Imagination wie das Instrument zur wirkenden Kraft, wie der Körper zum Geist, die Erscheinung zum Wesen. Und die Poesie definiert er als Ausdruck von Imagination. Daher ist ihm Poesie „Mittelpunkt und Peripherie der Erkenntnis”, „Wurzel und Blüte aller anderen Systeme des Denkens”. So sei die Pflege der Poesie besonders wichtig in Zeiten, in denen „die übermäßige Ausbildung des selbstsüchtigen und berechnenden Prinzips die Anhäufung der Güter des äußeren Lebens das Maß der Fähigkeit übersteigt, diese den inneren Gesetzen der menschlichen Natur anzuverwandeln”. Ohne die klassische Dichtung sei eine moralische Gesellschaft gar nicht denkbar. 8

Im 20. Jahrhundert klingt die Verteidigung der Poesie dann etwas vorsichtiger. Hilde Domin verfasste ab 1961, dem Zeitpunkt ihrer Rückkehr aus dem dominikanischen Exil, eine Reihe von Schriften, in denen sie die Rolle der Lyrik „in der gesteuerten Gesellschaft” 9 überprüft. Darunter versteht sie eine Gesellschaft, in der die Meinungsbildung und Wahrnehmung nicht dem Individuum überlassen wird. Vielmehr arbeite eine ganze Industrie daran, individuelle Deutungen, ein abweichendes Verständnis, abseitige Interpretationen zu unterbinden. Doch auch Domin formuliert auf der Suche nach der Funktion von Lyrik hochgestellte Erwartungen. Sie leitet Überlegungen zum Spannungsverhältnis „Dichtung und Wirklichkeit” und „Dichtung und Freiheit” ab. „Sobald aber nach Lyrik als Übung im Gebrauch der Freiheit gefragt wird, ist die Frage schon ganz nah an der andern, der nach der Umgestaltung der Wirklichkeit. Denn, im Gegensatz zu Kunst, ist die Veränderung der Gesellschaft keinesfalls Zweck in sich, sie dient der möglichen Freiheit des Menschen, seinem Menschsein.” 10 Ihre Frankfurter Poetik-Vorlesungen betitelt sie mit „Das Gedicht als Augenblick von Freiheit” und weist auf das Paradoxon hin, der Verknüpfung des Augenblicks als etwas eng Begrenztem mit der Freiheit, also dem Fehlen von Grenzen. Diese Allianz sieht sie als fundamental für die Poesie an.

Auch Seamus Heaneys Gedankengänge in seinen „Oxford Lectures” gehen von einem Widerspruch aus. Er beschreibt seine Situation als nordirischer Katholik und Poetik-Professor im englischen Oxford als klassischen Moment der Selbstentzweiung, des inneren Widerstreits, als ein Moment der Stummheit und Ohnmacht. Diesen menschlichen Zustand, der uns in verschiedensten Formen immer wieder begegnet und den man vielleicht als allgemeine condition humaine betrachten muss, sieht er als den Ausgangspunkt und die Quelle der Motivation jeder poetischen Arbeit. Die Suche nach einem „Ort des aufgelösten Widerspruchs” sei im Falle Nordirlands – so Heaneys Überlegung – nicht durch politische Bemühungen zu erreichen. Dieser Ort jenseits der Wirrnis sei dort zu suchen, „wo die Imagination gegen den Druck der Realität einen Gegendruck ausübt” 11 – in der Poesie. In seinen Gedichten sucht er die Grenze zwischen „dem Reich des Tatsächlichen und dem Reich des Vorgestellten” zu überschreiten und damit zugleich die „Grenze des Schreibens” – so auch der Titel eines seiner Gedichte – zu erforschen. In dieser Suche verbindet er die ganz im Handwerk gegründete Empfindung für die klangliche Schönheit der Sprache mit dem Drang, Tabus und Verbote aufzuheben, das, was William Blake die „geistgeschmiedeten Ketten” nannte, zu zerbrechen, um daraus eine anti-elitäre Haltung zu gewinnen, die auf das Selbstbewusstsein des Menschen, seine Kreatürlichkeit abzielt. Diese ermögliche vielleicht „eine wechselseitig bestärkende Übereinstimmung zwischen der Stimme des einzelnen und der der Gemeinschaft”.

Mein Text unterscheidet sich in doppelter Hinsicht von den angeführten historischen Positionen. Er zielt nicht darauf ab, eigene Arbeit oder Dichtung persönlich oder wissenschaftlich zu erklären. Es ist vielmehr der Versuch, aus einer „Nachbar”-Disziplin heraus, der zeitgenössischen Musik, den gesellschaftlichen Stellenwert von Kunst ohne die möglicherweise im eigenen Metier vorhandenen fachlichen Scheuklappen oder dιformations professionelles neu zu bestimmen. Die Nachbarschaft von Musik und Poesie mag dabei unmittelbar einleuchten, sind doch Klang, Rhythmus, Form, Artikulation, Zeitgestalt und Figur Mittel der beiden Künste, und seit etwa 100 Jahren gibt es Übergangsformen, die eine Abgrenzung schwierig machen. Man denke nur an die Klanggedichte von Hugo Ball, Ernst Jandl, Peter Rühmkorf, oder an die Vokalstücke eines Dieter Schnebel. Es geht also um eine Sicht „von der Seite her” – möglicherweise auf Kosten einzelner Positionen; denn allen verschiedenen Ansätzen, Denk- und Sichtweisen gerecht zu werden, ihr Niveau und die Tiefe ihrer Reflexionen zu würdigen, ist eine nicht zu leistende Herausforderung.

Ein zweiter Unterschied besteht in der Berücksichtigung der Wandlung der Produktions- und Distributionsbedingungen durch die „neuen Medien”. Es soll untersucht werden, ob und inwieweit die digitalen Medien die Produktion und den Gebrauch von Poesie verändern und beeinflussen.

Individuelle oder kollektive Wahrnehmung

Spricht Hilde Domin von „Lyrik als Übung im Gebrauch der Freiheit”, geht das für sie nur im „Innehalten”. Sie spricht von der „Insel” der „eigenen Zeit” 12 zum Zweck der „Begegnung mit uns selbst”. Eine solche Beschreibung schließt eine gemeinschaftliche Wahrnehmung nahezu aus; denn sie wäre auf Konventionen angewiesen, die hier gerade beiseite gelassen werden müssen. Lyrik „verbindet uns wieder mit dem Teil unsres Seins, der nicht angetastet ist von den Kompromissen, mit unsrer Kindheit, mit der Frische unsrer Reaktionen”. Auch die Vorstellung einer Umgestaltung der Wirklichkeit bildet sich bei dem Einzelnen und greift dazu auf die Ekstase, das Außerhalb-Stehen zurück, das auch das Außer-Sich-Sein einschließt. Cyrus Atabay hat dies in einem wunderbaren Gedicht mit dem Bild eines Weges in der Unwegsamkeit eingefangen:

Unwegsames Glück 13

Holprige Wege liebst du, Halden,
hohe flammende Stauden würzen
den Rand des steilen Abhangs.
Du gehst durch Dickicht hindurch,
Zweige streifend, sie schnellen zurück,
beben von der Hand, die sie berührte.
Du heißt den Widerstand willkommen,
der sich dir entgegenstellt,
den Geschmack eines anderen Trunks
bei jeder Rast,
tiefste Ermattung,
die langen Abstieg bedeutet.

Dialektik des Überflusses

Erstaunlicherweise vermeiden alle oben angeführten Poeten in ihren Texten das Wort „brauchen”. Hilde Domin geht ausführlich ein auf die Vokabel „wozu”, fragt nach dem „noch heute”, aber das Wort „brauchen” verwendet sie nicht. Es scheint für die Dichter – gewohnt genau mit Sprache umzugehen – völlig klar, dass die Poesie dem Bereich des „Brauchens” entzogen ist. Der Mensch braucht Nahrung, Kleidung, Wohnung, er braucht Gesellschaft, Kommunikation und Liebe, aber die Kunst gehört dem Reich des Überflusses an. „Notwendigkeit” hingegen wird der Poesie zugeschrieben. Die Figur des Notwendigen im Überfluss wird gerade in der Moderne von Künstlern aller Sparten immer wieder betont. Es scheint, als bestehe gerade angesichts des Reichtums unserer Gesellschaft für Überfluss ein besonderer Rechtfertigungsbedarf. Der humorige Ausdruck „Ist das Kunst, oder kann das weg?” verdeutlicht, wie schnell Überfluss zum Überflüssigen werden kann. Und Kunst – und hier natürlich vor allem diejenige, die keine großen pekuniären Gewinne abzuwerfen verspricht, also Lyrik und die zeitgenössische Kunstmusik – steht ständig in dieser Gefahr. Diese Dialektik des Überflusses unterscheidet die bürgerliche Gesellschaft von allen ihren Vorgängern. Die Herrschaften früherer Zeiten und Gesellschaftsformen beanspruchten für sich ganz selbstverständlich Überfluss – und keineswegs nur in materieller, auch in intellektueller, ästhetischer und künstlerischer Hinsicht – als die ihnen und ihrem Machtanspruch angemessene Lebens- und Selbstdarstellungsweise.

Der durchrationalisierte Spätkapitalismus zeigt Gegenläufiges: Zwar werden Reichtümer angehäuft, gegen die die Mittel feudaler Könige geradezu lächerlich erscheinen, diese aber werden peinlich versteckt, die Eigentümer entziehen sich der Öffentlichkeit – und die Mittel des Überflusses sind damit auch der künstlerischen Produktion entzogen. Kunst wird in der Warenproduktion durch Design ersetzt; sie wird zum Spekulationsobjekt – gegen ihre Intention – als wertsteigerndes Depot und so wiederum der öffentlichen Wahrnehmung entzogen; sie wird musealisiert und damit ihrer aktualen Brisanz entkleidet; oder sie vegetiert in Nischen – prekär – in winzigen, isolierten, spezialisierten Zirkeln.

Internet und „soziale” Medien

Durch das Internet hat Lyrik auf den ersten Blick einen ungeheuren Schub erfahren. Dieses ist vorrangig ein Text-Medium und die Zahl der Plattformen, auf denen Gedichte gesammelt werden, ist gewaltig. Sammlungen historischer Gedichte, gemeinsam betriebene Seiten mit Textbeispielen verschiedenster Lyriker, thematische Sammlungen für Gebrauchslyrik aller Arten, schließlich persönliche Präsentationen einzelner Dichter ergeben ein unüberschaubares, schillerndes Bild. Dem entspricht die öffentliche Wahrnehmung. Ein junges Lesepublikum findet sich in Festivals und Lesebühnen, die etablierten Literaturhäuser folgen dem Trend, neue Verlage für Lyrik werden gegründet, Dichtung ist „hipp”. 14 Alles, was vordem auf dem Weg durch die Lektorate hängengeblieben, ausgeschieden, übersehen wurde, erscheint jetzt schnell und öffentlich auffindbar. Dass Lektorate indes als Qualitätsfilter fungierten, und man in einem Gedichtbändchen eher an gehaltvolle und tiefsinnige Gedichte kommt als im Netz, das gilt nach wie vor. Vielleicht wurde auch vor den Zeiten des Internets eine ähnliche Menge dilettantischer Gedichte produziert, doch das Internet macht sie nun sichtbar, und man ist angesichts manches holpernden, liebeslyrischen Knittelverses an die wunderbar ironische Confιrence von Max Raabe erinnert: „Gerade zu Beginn einer sich anbahnenden Liason empfiehlt es sich, seine Stilmittel behutsam einzusetzen. Schon manch einer hat durch den Vortrag selbst verfasster, amouröser Stabreime von vorneherein alles vermurkst. Sollte tatsächlich einmal Poesie vonnöten sein, empfiehlt es sich auf unsere großen Poeten zurückzugreifen.” 15

Mitte der achtziger Jahre hat sich eine neue Form öffentlicher Performation von Lyrik entwickelt, die Slam Poetry, die in den „sozialen” Medien breiten Raum findet. Formal ist sie der etwas früher entstandenen, musikalischen Form, dem Rap, verwandt. Dieser aus der Hip-Hop-Kultur entstandene rhythmisch markante, schnelle Sprechgesang, der – ursprünglich politisch motiviert – das Leben in den amerikanischen Ghettos mit Kriminalität, Drogen und Gewalt beschreibt, verwendet die obszöne, mit Schimpfwörtern und Flüchen angereicherte Sprache der Gangs. Von der Musikindustrie wurde der Rap bald aus seiner ursprünglichen sozialen Umgebung gerissen, trivialisiert und zum aggressiven Verbrecherstil mutiert. Slam Poetry nähert sich den battles der Rap-Sänger an, hier wird Gereimtes und mehr oder weniger Rhythmisiertes innerhalb einer begrenzten Zeit dargeboten und von dem Publikum als Jury bewertet. Zu einer guten Bewertung eigenen sich „schnell zugängliche, massentaugliche Instant-Sprechtexte. (...) Slam-Prosa stellt eine Einverständnis heischende Textform dar, deren Hauptmerkmal darin besteht, dass sie ihre Mehrheitsfähigkeit intoniert.” 16

Hilde Domin bezeichnet den Lyriker als „Sand in den Rädern” und findet darin auch den Grund für das Urteil Platons, „außer er lüge die Wirklichkeit um, in andern Worten: er sei gar kein Künstler, sondern ein Lieferant von Dekorationen.” 17 Und nach Bazon Brocks drastischer Formulierung: „... stellt der rituelle Konsum den allgemeinverbindlichsten Kult in entfalteten Industriegesellschaften dar. Sprichwörtlich dafür ist die programmatische Kennzeichnung der euphorischen Selbstvergewisserung jüngerer Zeitgenossen, deren titelwürdiges Programm ‚Shoppen und Ficken’ heißt.” 18

Das ist also eine ganz andere „Insel” – keine „Selbstbegegnung” – kein „Innehalten” – kein „Augenblick von Freiheit” – kein „Gegendruck gegen den Druck der Realität”. Und keine Infragestellung der Wirklichkeit, sondern – im Gegenteil – ihre Affirmation! Und das geschieht selbst dort, wo einzelne meinen, kritische Gedanken in ihre Texte einzubauen, denn bereits die Form ist affirmativ – die Kunst hat eine Warenform angenommen. Im Unterschied zu dem Gedicht, wie Sidney, Shelley, Domin und Heany es verstehen, das sich der gesellschaftlichen Realität entgegensetzt, indem es einen Widerspruch indiziert, kennt die Warenform nur Glätte und Simplizität. Es gehört gerade zur Definition von „Ware”, dass sie alles Störende, alles Unpassende, jeden Anflug von Fremdheit und jede Tiefe verbannt und sich vielmehr auf ihre Oberfläche reduziert. Der oberflächlichen Schönheit tut selbst die „geplante Obsolenz” 19, die für den regelmäßigen Funktionsverlust sorgt, keinen Abbruch – über diesen Schönheitsbegriff wird allerdings noch zu reden sein.

Allerdings es gibt auch gar nicht wenige ernsthafte vielversprechende junge Dichter. So stellt z.B. die Anthologie „Lyrik von Jetzt” 20 in drei Bänden jeweils ungefähr siebzig Autoren vor. Hier wird nicht zum schnellen Verbrauch produziert, sondern experimentiert, ausgiebig mit Sprache gespielt und es werden unterschiedlichste Formen erprobt. Auffällig ist, wie viele Dichter dieser jungen Generation sich fast ausschließlich mit Selbstfindung beschäftigen und ihre Versuche ohne Hintergrund und Bezug auf die historischen Vorläufer vollziehen. Dies hat Gerhard Falkner, der die Anfänge dieser Generation intensiv begleitet hat, 21 in seiner Rede zur Verleihung des Huchelpreises 2009 deutlich ausgesprochen: „Diese Generation (...) vollzieht gerade einen Schritt, der einen nie da gewesenen Bruch mit der literarischen Tradition bedeutet. Sie verabschiedet sich gleichzeitig von den Quellen wie von den Mündungen. Sie verewigt das Wasser, in das sie steigt, als stehendes Jetzt und besingt diesen Schritt aus der geschichtslosen Perspektive von: me, myself and I. Sie stellt sich in den eigenen Seinsmoment, ahistorisch nach hinten und utopielos nach vorne.” 22 Falkner führt dieses Phänomen der Verjetztzeitlichung und der Selbstreferentialität zurück auf die Vervielfachung der kommunikativen Möglichkeiten, die dieser Generation die Möglichkeit der Selbstorganisation verschaffe. Er sieht darin das Problem einer sich verabsolutierenden Szene, „der Teil als das Ganze also, die einschlägige Falle des Spezialistentums”.

Der Beschreibung des Problems durch Gerhard Falkner kann ich folgen, bei den Ursachen scheint mir seine Erklärung zu kurz gegriffen. Wäre es nicht eine Verschiebung von Ursache und Wirkung, wenn wir den technischen Mitteln, die wir selbst entwickeln, unterstellen, sie verfolgten die Absicht, unsere Kommunikation zu verändern? Meines Erachtens ist es gerade umgekehrt: Es werden immer die zu den Kommunikationsbedürfnissen passenden Mittel entwickelt. Doch wie lässt sich der beschriebene Paradigmenwechsel dann erklären?

Das Vergessen

Dass die Wahrnehmung von Kunst, die nach herkömmlichem Verständnis ein so komplexes Gebilde ist, dass es nicht so schnell auszuschöpfen ist, sondern fortweg tiefe Erkenntnis stiften kann, die sich einerseits ihrer eigenen geschichtlichen Bezüge und Herkunft bewusst ist, sich andererseits aber ausrichtet auf das freie Feld der Möglichkeiten, dass solche Kunst und ihre Wahrnehmung heute an den Rand geraten ist, hat für mich mit den Besonderheiten des Humanitätsbegriffs der westlichen, der reichen Welt zu tun: Humanität ist hier verbunden mit der Idee und reduziert auf die Vorstellung von wohlständigem Leben. Dass aber der Wohlstand, wie er in „unserer” reichen Welt gelebt wird, voraussetzt, dass die große Mehrheit der Menschheit in Armut und Sklaverei 23 versinkt und gleichzeitig dabei die Zukunft der Menschen, ja sogar des ganzen Erdballs verspielt wird, macht diese Humanitätsauffassung überaus fragwürdig.

In einem aufsehenerregenden Buch „Zwischen mir und der Welt” behandelt der amerikanische Autor Ta-Nehisi Coates den Rassismus in den Vereinigten Staaten. Die Unfähigkeit der Menschen, „die glauben, sie seien weiß”, ihre eigene Handlungsweise wahrzunehmen, bezeichnet er mit dem Wort Traum. Er schreibt: „Das Vergessen ist eine Angewohnheit, ist ein weiterer Bestandteil des Traums. Sie haben das Ausmaß des Diebstahls vergessen, der sie während der Sklaverei bereicherte, den Terror, der ihnen ein Jahrhundert gestattete, das Wahlrecht zu klauen, die Rassentrennung, die ihnen ihre Vorstädte bescherte. Sie vergessen und verdrängen, weil die Erinnerung sie aus ihrem schönen Traum stürzen und zwingen würde, hier unten bei uns zu leben, hier unten in der Welt. (...) Sie aufzuwecken hieße zu enthüllen, dass sie ein menschliches Imperium sind, das wie alle menschlichen Imperien auf der Zerstörung von Körpern gründet. Es hieße, ihre Erhabenheit zu beflecken, sie zu verwundbaren, fehlbaren, zerbrechlichen Menschen zu machen.” 24

Diese Weigerung, die Folgen der eigenen Lebensweise zur Kenntnis zu nehmen und zu verantworten, sind die „amnesischen Strukturen” Gerhard Falkners; und die mediale „Hyperkommunikation” ist nicht die Ursache, sondern eine Strategie der Selbsttäuschung. Zwanghaftes Plaudern gegen Selbsterkenntnis! Das verhindert die Beziehung zur eigenen Geschichte und zur Zukunft. Aus solcher Haltung erwächst eine Kunst, die sich auf das Selbst beschränkt, die berauscht, betäubt, die abfüllt, Sinne und Denken erschöpft. Die bevorzugten poetischen und musikalischen Formen in der avancierten Kunst sind selbstreferentiell und am rein strukturellen Spiel interessiert; die des Pop hingegen sind kontinuierlich, kennen keine Unterbrechungen, keine Pausen – und sie sind laut!

In dieser Situation bleibt Künstlern nur der Versuch, in der Einschätzung der eigenen Ohnmacht und der eigenen Verstrickung die Suche aufzunehmen, um sich wenigstens vom Hintergrund der allgemeinen Verlogenheit zu lösen.

Das Gedicht des schwedischen Lyrikers Tomas Tranströmer „Die Steine” verstehe ich auf doppelte Weise: als eine Beschreibung, die den Einzelnen trifft, sein Handeln und den Zeitraum, den man innerhalb seines Lebens absehbar überschauen kann, die aber auch auf „uns” als gesellschaftlich, als kollektiv handelnde Menschen und auf historische Zeiträume abzielen kann.

Die Steine 25

Die Steine, die wir geworfen, höre ich
fallen, glasklar durch die Jahre. Im Tal
fliegen die verworrenen Handlungen
des Augenblicks schreiend von
Wipfel zu Wipfel, verstummen
in Luft, dünner als die des Jetzt, gleiten
wie Schwalben von Gipfel
zu Gipfel, bis sie
die äußersten Plateaus erreicht haben
längs der Grenze des Seins. Dort fallen
all unsre Taten
glasklar
auf keinen anderen Boden
als uns selbst.

Das Schöne und der Zweifel

Ich komme zurück auf die oben angekündigte Diskussion des Schönheitsbegriffs. Die Klassik sah einen Dreiklang des Schönen, Wahren und Guten. Das 20. Jahrhundert hat sich philosophisch am Wahrheitsbegriff abgearbeitet und heute ist uns der Begriff der einen absoluten Wahrheit abhanden gekommen. Wir gehen eher von einer Vielzahl von gleichzeitig existenten und gültigen Wahrheiten aus. Und jede dieser Wahrheiten hat ihren eigenen gesellschaftlichen oder individuellen Hintergrund, ist bedingt von Umständen der Existenz und der Wertsetzungen. Auch das Gute ist dabei nicht ungeschoren davongekommen. Dies führt notwendig zu Widersprüchen. Wir stehen vor der Wahl, entweder das Wahre und Gute fallen zu lassen, oder den Zweifel als relevanten Bestandteil dem Schönen einzupflanzen. Dies ist sowohl eine ethische als auch eine ästhetische Frage.

Im ersten Fall wäre dies die schöne, bunte Warenwelt: Der Hose ist nicht anzusehen, unter welchen Arbeitsbedingungen und von welcher Kinderhand sie entstanden ist, Hedonismus hat Hochkonjunktur und die Welt und ihre Zusammenhänge werden unerklärlich.

Der zweite Fall bedeutet, Abschied zu nehmen von der Vorstellung einer glatten, leicht zu konsumierenden Schönheit. Dieser Weg ist anstrengend und deshalb nicht mehrheitsfähig. Aber es ist der Weg der Lyrik und der Musik, die beide schon immer am Rande standen. Heute, da der Mensch selbst zur Ware geworden ist und einzig sein Funktionieren zählt, steht selbst dieser Platz infrage. Mit der Entstehung des Internets und der „sozialen” Medien hat dies wenig zu tun. Das Problem ist bereits von Shelley behandelt worden.

Als ästhetische Frage findet die Einbeziehung des Zweifels eine Parallele in der menschlichen Konstitution. Sowohl Lyrik als auch Musik fehlt die Möglichkeit, den Menschen und seine Bedürfnisse in seine Bestandteile zu zerlegen, ihn (getrennt) als denkendes, fühlendes, kalkulierendes, empfindsames, sinnliches oder genießendes Wesen zu begreifen. So wie die Widersprüche des äußeren Lebens, so sind auch die des inneren in einem Gedicht, in einem Musikstück innig miteinander verbunden. Die Ohnmacht, die Widersprüche zu lösen, verhilft dazu, einer oft zu beobachtenden Tendenz unserer Zeit zu entgehen, auf die Gilles Deleuze hingewiesen hat: Zuerst eine durch Kalkül, Interesse oder Meinung bestimmte Lösung zu definieren und daraufhin die Probleme zu formulieren. Für Deleuze sollten Lösungen nicht die Probleme eliminieren, sondern sie bewahren, die Lösungen müssen problematisch bleiben. 26 Wo ist dies eher der Fall als im Gedicht?

Daran anschließend resultiert aus diesen Überlegungen:
- Dem Schönen muss jede Aufdringlichkeit fehlen – das Spektakuläre gehört ihm nicht an.
- Die Forderung nach Klarheit ist durch die Implikation des Zweifels nicht berührt.
- Dem Schönen eignet ein Geheimnis: es kann den Schrecken verhüllen, von dem es erzählt und der sonst nicht zu ertragen wäre. Das Kunstwerk, so formuliert Walter Benjamin, dient „zur Anschauung des Schönen als Geheimnis”, ihm ist, „im letzten die Hülle wesentlich” 27. Das gilt auch in zeitlicher Hinsicht: Schön werden Dinge oft erst in der Erinnerung. Adorno hätte gesagt: Schönheit ist nicht warenförmig. So kann Kunst vielleicht die verschiedenen Wahrheiten unserer Zeit in sich zusammenziehen, ohne die Widersprüche aufzulösen und ohne in der Paralyse zu enden.

Die Diskussion des Schönheitsbegriffs ist in der Musik seit Helmut Lachenmanns ersten Texten dazu intensiv geführt worden, im Bereich der Lyrik finde ich erstaunlich wenig dazu. Aber vielleicht liegt es näher, ein Gedicht zu schreiben? - jedenfalls dann, wenn man sich so schlüssig und klar, so tiefgründig und weitsichtig dazu äußern kann, wie hier Peter Gan:

Das Schöne 28

Das Schöne läßt sich nicht begreifen;
dies ist (beinahe) sein Begriff.
Dies Nichtbegreifen zu begreifen
ist, wie der Anker, so das Riff.

Das Schöne läßt sich nur empfinden,
und ist doch Geistes Kind!
Geist ist, sich so ins Selbsterblinden
zu finden, nicht gesinnt.

So muß denn Geist sich selbst erweitern,
bis daß Er Riff und Schiff,
Meer, Anker, Landung, Sturm und Scheitern
in Sich begreift. Für die Gescheitern
ist dieses sein Begriff.


1 Otto Heinrich Kühner: Wozu noch Gedichte? – Gedichte. Frankfurt am Main, Berlin, Wien 1983, S. 10.
2 „Gewährst du der gewürzten Muse in lyrischen und epischen Versen Zugang, so sind in deinem Staate Lust und Schmerz König, nicht Gesetz und Vernunft, die sich doch noch überall als das Schönste erwiesen haben.” Platon: Der Staat, Zehntes Buch. dt. von August Horneffer. Stuttgart 1943, S. 344
3 Sir Philip Sidney: Defence of Poetry. http://extra.shu.ac.uk/emls/iemls/resour/mirrors/rbear/defence.html, abgerufen 12.3.2016
4 1820 verfasst und vorgesehen zur Veröffentlichung der zweiten Ausgabe von „Olliers Literary Miscellany” (siehe Anm. 5), die allerdings nie erschien. Posthumer Erstdruck in „Essays, Letters from Abroad, Translations and Fragments”. Hrsg. von Mary Wollstonecraft Shelley, London, Edward Moxon 1840.
5 Erschienen in „Olliers Literary Miscellany No. 1”, Hrsg. Charles Ollier, London 1820.
6 to logizein (grch.): denken, schlussfolgern.
7 to poiein (grch.): schaffen, erzeugen, formen.
8 nach: Percy Bysshe Shelley: Ausgewählte Werke – Dichtung und Prosa, Deutsch von Manfred Wojcik. Frankfurt am Main 1990.
9 Hilde Domin: Wozu Lyrik heute – Dichtung und Leser in der gesteuerten Gesellschaft. München 1968; dies. (Hrsg.): Doppelinterpretationen – Das zeitgenössische Gedicht zwischen Autor und Leser. Frankfurt am Main, 1969; dies.: Das Gedicht als Augenblick von Freiheit – Frankfurter Poetik-Vorlesungen. Frankfurt am Main, 1993.
10 Hilde Domin: Wozu Lyrik heute. a.a.O. S. 12.
11 Seamus Heaney: Verteidigung der Poesie. Oxford Lectures 1989 – 1994. S. 20
12 Interessanterweise ist die „Eigenzeit” ein stehender Begriff in der Musik. Es werden damit instrumentale Vorgänge beschrieben, die rhythmisch nicht durch die musikalische Notation erfasst werden. In der Wahrnehmung machen sich solche Momente auch als „Inseln” außerhalb der rhythmisch definierten, (Deleuze würde sagen:) gekerbten Zeit bemerkbar.
13 Cyrus Atabay: Die Wege des Leichtsinns - Zerstreutes äolisches Material - Gedichte. Düsseldorf 1994, S. 35
14 vgl. Nora Bossong: Dichter, traut euch ins Zentrum! Die Zeit 28. Mai 2015, http://www.zeit.de/2015/22/lyrik-gedichte-poesie-populaer/komplettansicht, abgerufen 12.3.2016
15 Max Raabe: Heute Nacht. https://www.youtube.com/watch?v=EHJr1Y3WflI&t=29m51s, abgerufen 12.3.2016
16 Boris Preckwitz: Histrionen an der Resterampe. In: Süddeutsche Zeitung, 9. Nov. 2012
17 Hilde Domin: Wozu Lyrik heute. a.a.O. S. 20
18 Bazon Brock: Konsumidealismus – Diskussion über die Käuflichkeit von Werten. http://www.bazonbrock.de/werke/detail/?id=3275, abgerufen 12.3.2016
19 Giles Slade: Made To Break. Technology and Obsolence in America. Cambridge, Massechusetts u.a., 2006
20 Band 1: Hrsg: Gerhard Falkner, Björn Kuhligk, Jan Wagner, Köln 2003. Band 2: Hrsg: Björn Kuhligk, Jan Wagner, Berlin 2008. Band 3: Hrsg: Max Czollek, Robert Prosser, Michael Fehr, Göttingen 2015
21 Er hat zum 1. Band von „Lyrik von Jetzt” das Vorwort beigesteuert.
22 http://poetenladen.de/gerhard-falkner-huchelpreis-rede.htm, abgerufen 12.3.2016
23 Eva Hoffmann: Jeder von uns hält 60 Sklaven. Und zwar durch ganz normalen Konsum. Evi Hartmann im Interview. Jetzt, Magazin der Süddeutschen Zeitung. http://www.jetzt.de/politik/interview-mit-einer-professorin-fuer-supply-management, abgerufen 12.3.2016
24 Ta-Nehisi Coates: Zwischen mir und der Welt. Berlin 2016, S. 142
25 Tomas Tranströmer: Sämtliche Gedichte. München 1997, S. 15
26 vgl. Gilles Deleuze: Differenz und Wiederholung. München 32007, S. 203ff. und ders.: Logik des Sinns. Frankfurt am Main 1993, S. 81 ff.
27 Walter Benjamin: Goethes Wahlverwandtschaften. In: ders.: Gesammelte Schriften. Band I,1. Frankfurt am Main 1991, S. 195
28 Peter Gan: Gesammelte Werke. Band II. Hrsg. von Friedhelm Kemp. Göttingen 1997, S. 33