Glück

dem elole-Klaviertrio zum zehnjährigen Bestehen


UNWEGSAMES GLÜCK1

Holprige Wege liebst du, Halden,
hohe flammende Stauden würzen
den Rand des steilen Abhangs.
Du gehst durch Dickicht hindurch,
Zweige streifend, sie schnellen zurück,
beben von der Hand, die sie berührte.
Du heißt den Widerstand willkommen,
der sich dir entgegenstellt,
den Geschmack eines anderen Trunks
bei jeder Rast,
tiefste Ermattung,
die langen Abstieg bedeutet.

(Cyrus Atabay)

Mein Versuch, zu dieser Festschrift für das elole-Klaviertrio etwas beizutragen, ist beeinträchtigt von meiner Skepsis der Sprache der Worte gegenüber. Seit langem denke ich, Komponisten sollten komponieren und nicht Texte schreiben. In der Welt der Musik sind Strukturen und Sinn, sind konkrete Gestalt und Bedeutung, sind Material und Erkenntnis soviel näher beisammen - vielleicht weil sie von vornherein auf Eindeutigkeit verzichtet?

Deswegen sei mir gestattet, einige Gedanken und Formulierungen von Menschen zusammenzutragen und aufeinander zu beziehen, deren Metier die Sprache ist. Den Reigen hat bereits Cyrus Atabay eröffnet mit einem wunderbaren Gedicht, das etwas beschreibt, was unsere Mehrheitskultur inzwischen nahezu ausschließt: Die Behauptung, alles sei schon dagewesen, die möglichen Wege seien alle bereits beschritten worden, steht ja im Raum.

Und natürlich - betrachtet man das, was unsere gesellschaftlichen, politischen, aber auch gerade die kulturellen Eliten an Perspektiven und Szenarien so entwickeln, kann einem angst und bange und der Wunsch verständlich werden, unter diesen Vorzeichen doch lieber bei dem zu bleiben, was man kennt.

Und doch: Ist es zwingend, sich von diesen Perspektiven schrecken zu lassen? Kann ihre Beschränktheit nicht auch gerade ein Motiv sein, andere Wege zu gehen? Atabay betrachtet das nicht als Plage und Mühsal, sondern er formuliert die Unwegsamkeit als Lust und Glück. Dass man dabei manchmal eine Schramme abbekommt, auch vielleicht einmal stolpert oder stürzt, gehört wohl dazu und mindert das Glück nicht.

Atabays „Du“ weist auf zweierlei hin: Auf diesen holprigen Wegen ist man allein und es geht in erster Linie nicht darum, dieses Glück der Unwegsamkeit mit anderen zu teilen.

Heinz-Klaus Metzger schreibt in seinem Aufsatz über Luigi Nonos Streichquartett:

[...] das spezifische Wesen authentischer Kammermusik [...] liegt in Wahrheit darin, daß sie, ihrer immanenten Konzeption nach, mindestens ebenso sehr den Spielern wie den - eventuëll anwesenden - Zuhörern zugedacht ist. [...] Die einstigen Brutstätten véritabler Musikkultur, bei der Bourgeoisie und in der Arbeiterklasse nicht minder, sind längst aufgelöst: die eigene kammermusikalische Praxis, die vormals [...] den Königsweg zum Verständnis von Kompositionen bildete [...] 2

Um nochmals bei Atabay zu bleiben:
Es ist der Weg, es ist das Gehen, das das Glück ausmacht.

Aber, sind wir mit einer solchen Feststellung überhaupt noch auf der Höhe der Zeit? Ist die ausgiebige Klage von Heinz-Klaus Metzger über den Verlust und das Schwinden musikalischer Kultur nicht Ausdruck der Sehnsucht nach vergangenen Zeiten und damit anachronistische Schwärmerei? Was ist mit dem musikalischen „Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ 3, was mit dem „Primat der Technologie“ 4 - das Adorno in einem Brief an Benjamin einfordert? Ist kammermusikalisches Musizieren nicht vorbei?

Adornos Brief macht das ganze Dilemma der Diskussion um die verschiedenen Begriffe deutlich. Er unterstellt Benjamin,
„den Begriff der magischen Aura auf das ‚autonome Kunstwerk‘ umstandslos [zu] übertragen“ 5. Während Benjamin versucht, eine gesellschaftliche Veränderung zu überblicken, zu analysieren und zu bewerten, moralisiert Adorno mit dem Ziel, die Autonomie des Kunstwerkes zu retten. Während Benjamin nüchtern festzustellen versucht, wie sich die Funktion der Kunst verändert, wenn Kunstwerke technisch reproduzierbar werden, versucht Adorno das l’art pour l’art von der „abhängigen“ Kunst zu trennen.

Spätestens hier wird deutlich: Nicht das kammermusikalische Musizieren ist vorbei, sondern diese Debatte über „das Kunstwerk“. Der von manchen beklagte Verlust der „Avantgarde“ erweist sich als Gewinn: jenseits von eindimensionalem Kunstwollen wird vielschichtiges Agieren, wird Subversion möglich und die Zirkulation von Figuren, Rhythmen, Strukturen, Aktionen, Objekten, Informationen - also den verschiedensten Bestandteilen innerhalb eines „Werkes“ - lässt jede Regel, jedes Gesetz kollabieren und
„jene dumm aussehen, die der Versuchung nicht widerstehen können (und in diese Falle tappt jeder immer mal wieder), sie [die Kunst] normativ festzuschreiben.“6
- Wir sind wieder ganz nahe bei Atabay!

Und welche Rolle spielt die „technische Reproduzierbarkeit“? Bereits Benjamin hat benannt, zu welchem Ziel das führt:

In der Repräsentation des Menschen durch die Apparatur hat dessen Selbstentfremdung eine höchst produktive Verwertung erfahren. 7

Einen Schritt weiter geht Guy Debord:

An dieser wesentlichen Bewegung des Spektakels, die darin besteht, alles in sich aufzunehmen, was in der menschlichen Tätigkeit in flüssigem Zustand war, um es in geronnenem Zustand als Dinge zu besitzen, die durch ihre negative Umformulierung des erlebten Wertes zum ausschließlichen Wert geworden sind, erkennen wir unsere alte Feindin wieder, die so leicht auf den ersten Blick ein selbstverständliches, triviales Ding scheint, während sie doch im Gegenteil ein sehr vertracktes Ding ist, voll metaphysischer Spitzfindigkeit: die Ware.8

Dieser Guy Debord, der - anders als die westdeutschen künstlerischen und intellektuellen „Avantgardisten“ - sowohl mit seiner künstlerischen, als auch mit seiner theoretischen Arbeit, insbesondere durch das zitierte Buch, eine weittragende gesellschaftliche Wirkung erreicht hat, hat für seine eigene künstlerische Tätigkeit die Konsequenz daraus gezogen und formuliert:

Unser Hauptgedanke ist der einer Konstruktion von Situationen - d. h. der konkreten Konstruktion kurzfristiger Lebensumgebungen und ihrer Umgestaltung in eine höhere Qualität der Leidenschaft. Wir müssen eine geordnete Intervention in die komplizierten Faktoren zweier großer, sich ständig gegenseitig beeinflussender Komponenten durchführen: Die materielle Szenerie des Lebens und die Verhaltensweisen, die sie hervorbringt und durch die sie erschüttert wird. 9

Damit ist das „Kunstwerk“ zum „Kunstprozess“ geworden, der sich dem Verdinglichungsprozess entzieht; es geht um soziale Situationen, um Tätigkeiten, um das aktive Zusammenwirken von Menschen; und die gerade in der Musik ohnehin völlig unzureichende, höchstens als Gedächtnisstütze nutzbare Reproduktion ist aus der Sphäre der Kunst verschwunden, es sei denn, sie wird erneut in den Kunstprozess als Objekt eingeführt.

Am Ende seines Buches „Von realer Gegenwart“ spricht George Steiner vom Samstag. Samstag steht zwischen Freitag, dem Tag der Kreuzigung, der Ungerechtigkeit, des menschlichen Leidens, des Verfalls, dem Tag des „brutalen Rätsel des Endens“, und Sonntag, dem Tag der Auferstehung, dem Tag der Hoffnung und Befreiung, dem Tag der Lösungen und der utopischen Vollkommenheit. Weder der Freitag noch der Sonntag haben Raum für Kunst.

Die erkennenden Wahrnehmungen und Gestaltungen [...] im Gedicht und in der Musik, die von Schmerz und Hoffnung sagen, vom Fleisch, das nach Asche schmeckt, und vom Geist, der den Geruch des Feuers hat, sind immer des Samstags. Philosophisches Denken, poetisches Schaffen sind Samstagskinder. Sie sind einer Unermeßlichkeit des Wartens und Erwartens entsprungen. Gäbe es sie nicht, wie könnten wir ausharren?10

Einen seltsamen Bogen hat dieser Text vollzogen, möglicherweise bleibt manches rätselhaft. Doch die Beziehung zum elole-Klaviertrio dürfte wohl deutlich geworden sein. Und um alles, was noch fraglich ist, abzuschließen, ziehe ich nochmals Cyrus Atabay heran:


WAHRGEMACHT 11

Am Ende steht natürlich die Auflösung
Umwege über das Verworrene, Verknotete,
bis die Fesselung zur Freigabe wird.
Das alles hat viel mit Zauberei zu tun
hängt zusammen mit Magie und Mathematik:
Eine geringfügige Verschiebung in der Anordnung
der Bedingungen gewährt im Ausweglosen
einen Durchschlupf für das Unerwartete,
plötzlich wahrgemacht im Kuckucksruf,
der die Erklärbarkeit aufhebt.

(Cyrus Atabay)

Oldenburg, den 4. Juli 2011
Friedemann Schmidt-Mechau


1 Cyrus Atabay: Die Wege des Leichtsinns - Zerstreutes äolisches Material - Gedichte. Verlag Eremiten Presse Düsseldorf 1994, S. 35
2 Heinz-Klaus Metzger: Wendepunkt Quartett? In: Luigi Nono. Musikkonzepte Band 20, edition text + kritik. München 1981, S. 97 Anm. 5, (Hervorhebungen original)
3 Walter Benjamin: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. In: Gesammelte Schriften Band I.2, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1991, S. 431-469 (Erste Fassung), S. 471-508 (Dritte Fassung)
4 Theodor W. Adorno: Brief vom 18.3.1936 an Walter Benjamin. In: Walter Benjamin: Gesammelte Schriften Band I.3, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1991, S. 1001-1006
5 ebd. S. 1002
6 Jörg Heiser: Plötzlich diese Übersicht - Was gute zeitgenössische Kunst ausmacht. Claassen-Ullstein-Verlag, Berlin 2007, S. 347
7 Walter Benjamin: a. a. O. S. 451
8 Guy Debord: Die Gesellschaft des Spektakels. Edition Tiamat, Verlag Klaus Bittermann, Berlin 1996, S. 31
9 ders.: Rapport über die Konstruktion von Situationen. Edition Nautilus, Hamburg 1980, S. 11
10 George Steiner: Von realer Gegenwart. Edition Akzente, Hanser Verlag, München Wien 1990, S. 302
11 Cyrus Atabay: a.a.O. S. 9