Werden - Wachsen - Wuchern

Musik für Orchester
(fl, ob, corA, cl, bcl, 3 bn, dbn - 4 hn, tpt, 2 ttrbn, dbtrbn - timp, 2 perc - str: 00222)

ca. 7 Min.
komponiert 2019
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Einführung

Die Ausgangsidee für diese Komposition war der Vergleich zwischen Dekorationen stilisierter Natur und dieser selbst. So bestehen etwa die Dekorationen des Jugendstils zum Großteil aus floralen Motiven. Geschwungene, sich kreuzende und umschlingende Linien erinnern an Pflanzenstängel. Diese Dekorationen sind der Natur entnommen und gleichzeitig durch die Stilisierung von ihr entfernt. In der Natur werden diese Formen schnell zu einem dichten Geflecht und Gewirr von Linien. Die Stilisierung bleibt mit ihrer konkreten Bildhaftigkeit der klaren, reduzierten Struktur verpflichtet, obwohl die große Verdichtung und Beschleunigung unseres Lebens zur gleichen Zeit ihren Anfang genommen hat. In dem Widerspruch zwischen Modernität und dem Rückgriff auf konkrete Figurationen liegt eine innere Spannung.
In der Musik ist es althergebrachte Tradition, mit Linien umzugehen. Mich interessieren dabei bestimmte Wahrnehmungsgrenzen: Der Mensch ist physiologisch in der Lage, maximal drei voneinander unabhängige, hörbare Linien gleichzeitig zu verfolgen. Werden es mehr, so verschmelzen diese in der Wahrnehmung zu einem Geflecht. Homogenität und Heterogenität des Materials können darin erkannt werden – vorausgesetzt es entwickeln sich zwischen den Linien keine eindeutigen Hierarchien, bei denen sich etwa eine Melodie und Begleitstimmen unterscheiden. Verdichtet sich das Geflecht weiter, wird es zunehmend als Fläche wahrgenommen, während die einzelnen Linien verschwinden.
In Werden – Wachsen – Wuchern lote ich die Grenzen und Übergänge zwischen stilisierter Ordnung, überbordendem Wachstum und flächigem Wuchern aus. Und hier spielt neben der Struktur auch die Beschleunigung und Geschwindigkeit eine wichtige Rolle.
In vier Abschnitten wird dieser Frage nachgegangen. Jeder Abschnitt hat 35 Takte und von Abschnitt zu Abschnitt nimmt das Tempo um das Anderthalbfache zu und die Zeitdauer entsprechend ab.
Der erste Abschnitt (T. 1-35 – 2’55“) geht genau den oben beschriebenen Weg: Zu der einzelnen Linie treten nach und nach weitere hinzu, bis das Stadium des Geflechts und schließlich der Fläche erreicht wird. Die Einzelstimmen arbeiten dabei in der Art eines Kanons mit transponierten oder nur leicht abgewandelten Linien. Das Schlagzeug markiert in den einzelnen Linien zunächst nur die Pausen, bildet im Laufe des Abschnitts aber eine eigene Fläche.
Der zweite Teil (T. 36-70 – 1’57“) springt gleich auf die Ebene des Geflechts, arbeitet aber mit anderem Material. Steigende und fallende, sich kreuzende Linien sind einfacher zu erkennen, und daher bleibt dieser Abschnitt wohl leichter zu erfassen, ein flächenhafter Eindruck wird nicht erreicht.
Nochmals anderes Material kommt im dritten Abschnitt (T. 71-105 – 1’18“) zum Einsatz. Hier sind es Akkordgruppen, die sich überlagern und zu unterschiedlichen Komplexen zusammensetzen. Auf der Ebene der Akkordik wird Flächenhaftes angesteuert, während der rhythmisch-strukturelle Verlauf durchschaubar bleibt.
Der letzte Abschnitt (T. 71-140 – 52“) greift nochmals auf das Themenmaterial des ersten zurück. Jetzt wird der gesamte Ambitus des Orchesters bespielt. Der Tonvorrat der einzelnen Instrumente ist auf enge Ausschnitte begrenzt. So wird eine ausgedehnte, dichte, in sich bewegte Klangfläche erzeugt, mit der das Stück schließlich abrupt endet.