→ Kritik
befreite Wurzel aus Erinnerung
Musik für fünf Ensemble-Gruppen


Auftrag von oh ton - Förderung aktueller Musik in der Provinz

ca. 10 Min.
komponiert und Uraufführung 1995

(1) Tenorblockflöte und Baritonsaxophon
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(2) Flöte und Gitarre
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(4) Kontrabaß, Schlagzeug und Klavier
(Schl: Sopr-Steeldr, gr.Becken, Metallfolie, Amboß, Röhrenholztr, 2 Conga, 2 Bongo)
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(8) Baßclarinette, Tenorbaß-Posaune, Viola und Harfe
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(16) kl. Trompete, Violine, Violoncello, Schlagzeug und Akkordeon
(Schl.: gr.Tr., Tamtam, Stahlpl., 2 Tomtom, Darabukka)
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→ Aufnahme Version 8 1995 Oldenburg, oh ton-Ensemble
→ Aufnahme Version 23 1995 Oldenburg, oh ton-Ensemble.

Die 5 Ensemble-Gruppen können in 31 möglichen Versionen je allein, zu zweit, zu dritt oder zu viert simultan aufgeführt werden. Um die Versionen zu unterscheiden, werden die Ziffern der gespielten Gruppen addiert und an den Titel gehängt.

Einführung


Seit der Entwicklung des Computers hat es sich verüblicht, menschliches Erinnern mit dem „Speichern“ gleichzusetzen. Mein Verständnis von Erinnerung widersetzt sich dieser Identifikation. Erinnerung ist die menschliche Fähigkeit, die Vergangenheit zu verdrängen, sie auf die Gegenwart zu beziehen und mittels Vorstellungen, Visionen und Utopien die Zukunft zu gestalten. Dieses Erinnern ist das wichtigste Element zum Verständnis von Musik - wenn nicht überhaupt für unser Mensch-sein. Es stellt uns in eine physisch, emotional und intellektuell bestimmte Situation, die subjektiv unterschiedlichste Erinnerungen bewirkt.
„befreite Wurzel aus Erinnerung“ versucht die Möglichkeit gemeinsamer Erinnerung musikalisch zu erforschen. Aus einer winzigen Keimzelle als gemeinsamer „Erinnerungssubstanz“ sind ereignishafte Variationen entwickelt. Diese sind für jedes Instrument nochmals übersetzt in individuelle Muster. Die Ordnung der 16 Instrumente in fünf Ensemble-Gruppen bezeichnet unterschiedliche emotionale Beziehungen zu der Substanz. Diese selbst ist nur als subjektive Ausdeutung hörbar. Das „Was“ ist zuerst vom „Wer“ abhängig. Je mehr Instrumente an der gespielten Version beteiligt sind, desto verschiedenere Ausdeutungen ein und derselben Substanz werden hörbar. Die Regel, daß maximal vier der fünf komponierten Ensemble-Gruppen zusammen spielen können, deutet an, daß der Blick auf das Total subjektiver Erinnerung niemals möglich ist, immer etwas fehlt. Der musikalische Diskurs ereignet sich in den Gesten Widerspruch und Bestätigung, Abschweifen und Insistieren, Argument und Ablenkung. Gibt es eine Annäherung, eine Klärung, eine Distanzierung?
Das letzte Fünftel des Stückes trennt die fünf bis dahin bestehenden Instrumentalgruppen auf, jedes Instrument spielt bis zum Ende ohne zeitlich-rhythmische Koordination für sich allein. Gleichzeitig bildet sich eine substanzielle Ordnung heraus, die die Struktur zu einer gemeinsamen macht, ohne die individuellen Muster und ihre Widersprüche aufzuheben. Die Substanz des Stückes wird, indem jedes Instrument zur eigenen ungebunden-subjektiven Sicht gelangt, zu einer gemeinsamen Erinnerung. Die Erhaltung der Widersprüche, der individuellen Erfahrungen, des Zweifels und des „Aber” ist vielleicht die Voraussetzung, zu einem „Wir” zu finden.

Aufführungen


Vorpremiere:
30. Oktober 1995: Kulturetage Oldenburg, oh ton-Hörwerkstatt; → oh ton-Ensemble, Fassg. 7: (1) → Dörte Nienstedt - Blfl, → Christoph Hansen - Sax, (+ 2) → Anne Horstmann - Fl, → Peter Löning - Git, (+ 4) → Petar Naydenov - Kb, → Norbert Krämer - Schl, → Christiane Abt - Klav

Uraufführung:
12. November 1995: Altes Gymnasium Oldenburg; oh ton-Ensemble (2x): Fassung 23: (1) Dörte Nienstedt - Blfl, Christoph Hansen - Sax, (+ 2) Anne Horstmann - Fl, Peter Löning - Git, (+4) Peter Naidenov - Kb, Norbert Krämer - Schl, Christiane Abt - Klav,(+ 16) → Didier Petit - Tp, → Anna McMichael - Vl, → Matthias Lorenz - Vc, → Axel Fries - Schl, → Margit Kern - Akk; Fassung 8: → Martin Kratzsch - Clar, → Roel Smedts - Pos, → Rachel Evans - Va, → Eva Pressl - Hf

weitere Aufführungen:
15. November 1995: Kreishaus Hildesheim; oh ton-Ensemble s.o. (Fassung 25)
21. November 1995: Berliner Kabarettanstalt; oh ton-Ensemble s.o. (Fassung 7)
30. November 1995: Kulturzentrum Peter-Friedrich-Ludwig Oldenburg; oh ton-Ensemble s.o. (Fassung 13)
1. Dezember 1995: Glockenhaus Lüneburg; oh ton-Ensemble s.o. (Fassung 29)
27. Januar 1996: Sprengelmuseum Hannover; oh ton-Ensemble s.o. (Fassung 11)
22. Mai 1996: Tonhalle Düsseldorf; → notabu-Ensemble (Fassung 7)
6. Januar 2006: Musikhochschule Köln; → Johanna Klein - Blfl und → Katharina Stashik - Sax; (Fassung 1)
9. Juni 2007: Limoges, Frankreich; → Juliette Candela - Blfl und → Julien Bire - Sax; (Fassung 1)
26. Juni 2007: Conservatoire Versailles, Frankreich; (wie 9. Juni 2007)

Mitschnitt und Rundfunksendung:
12. November 1995: (s.o.) Fassung 23 + 8, Mitschnitt: Deutschlandfunk Köln
20. November 1995: Rundfunksendung Deutschlandfunk Köln, Fassung 23 und 8

Kritik


Nordwest-Zeitung vom 14. Nov. 1995, zum Konzert am 12. Nov. 1995

Löcher und stürzende Ständer
Uraufführungskonzert des „oh ton-ensembles“ im Großen Haus des Staatstheaters
von → Christiane Maaß

Oldenburg. Den grandiosen Höhepunkt ihrer Vereinsarbeit erlebten gemeinsam mit Hunderten von Zuhörern die Aktiven von „oh ton“ im Staatstheater. Mit einem derartigen Ansturm auf das Uraufführungskonzert des „oh ton-ensembles“ hatte wohl niemand gerechnet. (...)
Friedemann Schmidt-Mechaus „befreite Wurzel aus Erinnerung“ konnte gleich in zwei verschiedenen Varianten aufgeführt werden: zum einen in einer klangstärkeren Instrumentierung von drei eingesetzten Gruppen, zum anderen in der intimeren Klanglichkeit zweier Gruppen. (1) Die räumlichen Gegebenheiten des Großen Hauses ließen sich optimal für die Zwecke der Komposition nutzen, aus der Vielstimmigkeit individueller Sichtweisen Wurzeln zu einer gemeinsamen Erinnerung zu befreien. Die Positionierung der einzelnen Gruppen auf der Bühne, in den Logen und Rängen ließ die Aufmerksamkeit beständig kreisen und sich neu ausrichten. Auch im Bereich des äußersten Pianissimo und des Geräuschhaften blieb alles bestens hörbar. (...)

(1) Hier irrte die Kritikerin, wie oben angegeben waren einmal die vier Gruppen 1, 2, 4, und 16 (12 Instrumente) zusammen zu hören, die zweite Aufführung spielte die Gruppe 8 allein (4 Instrumente).


Leserbrief zu dieser Kritik:


Nordwest-Zeitung vom 7. Dez. 1995, Leserforum
Verheerend für die Sache der Musik

Rezension des Oldenburger Uraufführungskonzerts vom 12. November.
Interessante und akzeptable Stücke - „Black Hole“ von Beccera-Schmidt an erster Stelle - standen neben dem armseligen Konzeptualismus von Schmidt-Mechau, dessen klangliche Ergebnisse in keiner Beziehung zum gewaltigen, verquasten Überbau standen: Weder ließ sich meine Betroffenheit über das Ende des 2. Weltkrieges noch mein mit dem „Komponisten“ geteilter Abscheu über Alkoholexzesse bei irgendwelchen Stadtfesten in Verständnis für nicht gespielte Musik von nicht gespielten Instrumenten ummünzen. Der Beifall war auch nicht groß, sondern erkennbar von Insidern getragen. Auf keinen Fall darf man durch indifferente Berichterstattung einen Menschen ermuntern, auf diesem trübseligen Weg fortzufahren. So ist mein Hauptanliegen auch, mit diesem Brief zu einer kritischen Auseinandersetzung, die eher als gleichgültige oder devote Reaktionen der Neuen Musik auch wieder neue Impulse zurückgibt, zu ermuntern. Verheerend für die Sache der Musik wäre es jedenfalls, wenn so unverschämtes Sich-Herausstehlen aus einem Kompositionsauftrag wie in „DIT“ von Hespos stehenbleiben könnte neben redlichem Arbeiten (Xenakis, Becerra-Schmidt). (Der Beifall war minimal, von Buhs durchsetzt.)
Wenn es keine Kriterien gäbe, das Ein- und Auspacken von Instrumenten, das Umwerfen von Notenpulten mit dazugehörigen Flüchen etc., das Nichterklingen von Musik (s.o.) als nicht akzeptables, abgestandenes, unverbindliches Getue zu bewerten, wäre es wirklich um die Neue Musik tödlich schlecht bestellt.

→ Karl-Ludwig Kramer, Leer