um Ecken

Musik für Geige und Cello

ca. 12-20 Min.
komponiert und Uraufführung 2004
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→ Aufnahme 2004 Dresden, Uta-Maria Lempert - Vl und Matthias Lorenz - Vc.

Einführung


Dies ist das erste von drei Duos für das → elole-Klaviertrio. Diese Duos weisen in Hinsicht auf ihr musikalisches Grundmaterial eine enge Verbindung auf: Es gibt zwei verschiedene Zwölftonreihen - für jedes Instument eine, mit ihren Permutationen. Hier verwendet die Geige eine zwölftönige Allintervallreihe, die der berühmten Nono'schen Scherenreihe verwandt ist - sie ist in drei Teile zerlegt und anders wieder zusammengesetzt.

Für das Cello gibt es eine weitere Zwölftonreihe, die nur aus zwei verschiedenen Intervallen besteht, nämlich großen Terzen und Quarten (bzw. deren Umkehrungen), bei dem Quartenspiegel entsprechend kleine Sexten und kleine Sekunden.

Daneben gibt es für alle drei Stücke eine begrenzte Anzahl von Aufführungsmöglichkeiten, die mit der Art ihrer Kombination aus einzelnen Teilen zusammenhängt. Dabei sind die drei Stücke allerdings völlig verschieden.

um Ecken besteht aus drei verschiedenen Arten von Materialien, die nach bestimmten Regeln von den Musikern zusammenzusetzen sind. Für jede Aufführung muß eine andere Kombination gewählt werden. Die Materialien sind:

A 1-8: Kleine szenische Aktionen oder zu sprechende Texte. (siehe unten)
B 1-8: Abschnitte mit jeweils sieben unterschiedlichen musikalischen Partikelchen, die erst im Spiel angeordnet werden. Dabei gibt es insgesamt acht verschiedene Grundformen, die in unterschiedlicher Ausdehnung auf die acht Seiten verteilt sind.
C 1-8: Ein linearer Klangprozeß, ein Klang, der sich über seine Dauer gleichmäßig verändert, und der viermal unterbrochen wird.
Von diesen Teilen führt jeder Musiker je vier aus. Insgesamt wird von dem komponierten Material B und C also nur die Hälfte aufgeführt.
Die Teile werden in fester Reihenfolge zusammengesetzt: C-A-B, C-A-B, ... Das jeweils letzte B und das erste C der nächsten Gruppe überschneiden sich, werden also auf jeden Fall von beiden Spielern gespielt.

Als Beispiel sei hier die Abfolge der Uraufführung angeführt:
Geige: C1 A1 B8      C5     C3 A4 B7     B2  A6  C6    B4  A8
              |      | \    |      |    / | /  \ | \  / | /  \
Cello:        C8 A2 B1  A3 B4      C7 A5  C2    B5  A7  C4    B6

Diese Abfolge stellt eine sehr strikte musikalische Form her, die der ex tempore-Anordnung der Einzelteile entgegensteht. So kann man bei diesem Stück - vielleicht dem äußeren Anschein entgegen - nicht von Improvisation sprechen. Und die Frage, die in solchem Zusammenhang oft gestellt wird, ob man denn die „offene Form“, den Wechsel der Kombinationen bei einer einmaligen Aufführung hören könne, scheint mir an der Sache vorbei zu gehen. Denn diese musikalische Ordnung richtet sich an die Musiker. Für sie ist die Frage der Anordnung der Partikel, ebenso wie der Wechsel der Kombinationen ein Element, das dieses Stück nicht abschließbar macht. Damit ist mir vielleicht zum ersten Mal gelungen, wonach ich lange suchte: Eine Möglichkeit die Deutungsoffenheit und -vielheit in das musikalische Spiel selbst zu integrieren.
Für die Hörer ist diese Frage nebensächlich. Ihre Auswirkungen tragen zu einer Verbreiterung der referentiellen Ebene bei, indem die Materialien in den Vordergrund des Spiels der Musiker geraten. Die Aktionen und Texte fügen den musikalischen Beziehungen eine äußere Referenzebene hinzu, die Deutungsmöglichkeiten werden konkretisiert und gleichzeitig vervielfacht.

Die Aktionen und Texte sind:
1. Der Spieler steht auf, geht einige Schritte zum vorderen Rand der Spielfläche und betätigt dort einen elektrischen Schalter (ohne Funktion) und geht zu seinem Platz zurück.
2. Der Spieler nimmt einige Würfel, wirft sie auf ein Tischchen und betrachtet das Ergebnis.
3. Der Spieler steht auf, legt das Instrument beiseite, steht eine Weile still frontal zum Publikum und spricht dann ziemlich langsam: „Schauen Sie nicht so erwartungsvoll! Ihre Erwartung ist es, die den Grat zwischen Unverständlichem und Selbstverständlichem verschmälert.“ (nach Karl Kraus)
4. Der Spieler nimmt ein breites, rotes Geschenkband, zieht es unter den Saiten durch, legt es um sein Instrument und bindet es über der Zarge zu einer schönen Schleife.
5. Der Spieler sucht ..., sucht etwas zwischen seinen Noten, um seinen Stuhl herum, evtl. in der Hosentasche usw. Schließlich findet er auf seiner Sitzfläche, was er sucht: einen Schlüssel (bitte einen großen, alten Schlüssel mit Bart verwenden!), betrachtet ihn und legt ihn dann vor sich auf die Erde.
6. Der Spieler betrachtet die Schnecke seines Instruments. Dann fährt er mit dem Zeigefinger außen beginnend die Konturen der Schnecke nach.
7. Der Spieler wendet sich - ohne aufzustehen, das Instrument in den Händen - dem Publikum zu und fragt es:
„Vergeuden Sie nicht Ihre Zeit in diesem Land der Zwietracht?“ (nach Tomás Eloy Martínez)
8. Der Spieler löst die rote Schleife von dem Instrument (siehe 4.), nimmt den Schlüssel, sammelt die auf dem Tisch liegenden Würfel, wenn möglich auch den elektrischen Schalter und wirft alles in einen großen Topf, der am vorderen Rand der Spielfläche steht.

Aufführungen


Uraufführung:
7. Juli 2004: Portrait-Konzert Friedemann Schmidt-Mechau des → ɘlole-Klaviertrios, Albert Hall, Dresden; → Uta-Maria Lempert, Vl und → Matthias Lorenz, Vc