Einführung zu der Orchesterprobe des Rundfunk-Sinfonie-Orchesters des Hessischen Rundfunks am 7. Februar 2023


Gustav Holst: The Planets op. 32

Gustav Holst
Gustav Holst (* 1874 in Cheltenham; † 1934 in London)

Gustav Holst entstammt einer schwedisch-baltischen Musikerfamilie. Sein Urgroßvater war Pianist und Harfinist, er wanderte 1799 nach England aus. Sein Vater war Pianist und Organist. Gustav Holst lernte Klavier, Violine (die er ungern spielte) und Posaune, die sein Hauptinstrument wurde. 1893 begann er ein Posaunen- und Kompositionsstudium am Royal College of Music in London, Komposition studierte er bei Charles Villiers Stanford. 1895 lernte er dort Ralph Vaughan Williams kennen, mit dem er lebenslang befreundet blieb. Neben seiner Begeisterung für Richard Wagner interessierte er sich für die sozialistischen Ideen von William Morris. 1897 wurde er Leiter des Hammersmith Socialist Choir. Er verliebte sich in die jüngste Sopranistin des Chores, Isobel Harrison, die er 1901 heiratete, ihre Tochter Imogen, die Komponistin, Dirigentin und Musikpublizistin wurde, ist 1907 geboren. 1898 entschied sich Holst, das College zu verlassen und als Posaunist und Korrepetitor für die Carl Rosa Opera Company zu arbeiten. Von 1900 bis 1903 spielte er Posaune im Scottish Orchestra in Glasgow, entschied sich aber schließlich gegen eine Laufbahn als Orchestermusiker und wurde (als Nachfolger von Vaughan Williams) Musiklehrer an James Allen's Girls' School in Dulwich, 1905 dann Musikdirektor an der St. Paul's Girls' School in Hammersmith, wo er bis zum Ende seines Lebens arbeitete. Dazu kam von 1907 bis 1924 die Position des Musikdirektors am Morley College for Working Men and Women, einer seit 1889 bestehenden Londoner Erwachsenenbildungseinrichtung. Möglicherweise angeregt von der zweiten Frau seines Vaters, die Theosophin war, zeigte auch Holst Interesse für spirituelle Themen wie Astrologie und indische Philosophie.
 Die Arbeit als Musiklehrer ließ Holst nur an den Wochenenden und in den Schulferien Zeit zum Komponieren. In seiner bevorzugten Sommerfrische Thaxted etablierte Holst 1916 das Whitsunticle Festival mit seinen Schülern, das nach 1918 jedoch an wechselnden Orten stattfand. In der Endphase des Krieges arbeitete er in der Truppenbetreuung für demobilisierte Einheiten im östlichen Mittelmeer; in diesem Zusammenhang gab er wegen der deutschen Assoziationen den Adelstitel „von“ in seinem Nachnamen auf.
 Im März und November 1920 erlebte Holst mit der Uraufführung der Hymn of Jesus op. 37 für 2 Chöre, Frauenchor und Orchester (1917) und der ersten vollständigen öffentlichen Aufführung der Planets seine größten Erfolge.
 In der Folge ergaben sich Lehrmöglichkeiten über seine bisherige Sphäre hinaus, in den 1920er Jahren am Royal College of Music in London und am University College, Reading; 1932 als Gastdozent in Harvard. Aber die Erfolge der unmittelbaren Nachkriegsjahre konnte er nicht mehr wiederholen.



The Planets op. 32 (1914 und 1916)

Orchesterbesetzung: 4 Flöten (zwei auch Piccolo, eine auch Altflöte), 3 Oboen (eine auch Heckelphon), 1 Englischhorn, 4 Klarinetten (eine auch Bassklarinette), 4 Fagotte (eines auch Kontrafagott) 6 Hörner, 4 Trompeten, 3 Posaunen, Tenortuba, Basstuba 2 Pauken, 4 Schlagzeuge, 2 Harfen, Celesta, Orgel, 6-stimmiger Frauenchor Streicher
Sätze: 1. Mars, der Kriegsbringer: Allegro
2. Venus, die Friedensbringerin: Adagio Andante Animato Tempo I
3. Merkur, der geflügelte Bote: Vivace
4. Jupiter, der Bringer der Fröhlichkeit: Allegro giocoso Andante maestoso Tempo I Lento maestoso Presto
5. Saturn, der Bringer des Alters: Adagio Andante
6. Uranus, der Magier: Allegro Lento Allegro Largo
7. Neptun, der Mystiker: Andante Allegretto
Spieldauer: ca. 50-60 Min.
Uraufführung: private Teil-Aufführung: 29. Sept. 1918, Queen's Hall, London; Adrian Boult Ltg.
Vollständige, öffentliche Uraufführung: 10. Okt. 1920, Birmingham, Appleby Matthews Ltg.

Die programmatische Orchestersuite betrachtet in sieben Sätzen die Planeten nicht aus astronomischer, sondern aus astrologisch-kosmologischer Sicht. Dabei verbindet Holst die antiken Vorstellungen von den Planetengöttern mit zeitgenössischen astrologischen Vorstellungen. Die ersten sechs Sätze entstanden zunächst in Fassungen für zwei Klaviere, der letzte Satz für Orgel. Die Reihenfolge der Sätze folgt der Reihenfolge der Planeten im Sonnensystem, wobei Mars und Merkur vertauscht sind. Eine andere Erklärung findet sich in der Verbindung der Planeten mit den Tierkreiszeichen, beginnend mit Widder und unter Auslassung des zum Zeitpunkt der Komposition noch nicht entdeckten Pluto.
 Holst gibt den einzelnen Sätzen jeweils musikalische Markierungen rhythmischer oder klanglicher Art.
 Der erste Satz, Mars, der Gott des Krieges, ist durch einen 5/4-Takt gekennzeichnet, in dem ein marschartiger Rhythmus der Streicher und Pauken durchläuft, während verschiedene Bläser-Konstellationen einen langsamen, sich steigernden Satz entfalten. Der Mittelteil beginnt mit einem Solo der Tenortuba über regelmäßigen Streicher-Vierteln. Mit erneutem Einsatz des ostinato-Rhythmus erscheint eine Art Reprise. Am Ende wird dieser Rhythmus verlangsamt und im vierfachen forte mit Pausen zerfetzt.
 Venus ist die Göttin der Liebe, der Schönheit und des erotischen Begehrens. Der Satz beginnt mit einem einmal wiederholten Thema, bei dem eine viertönige aufsteigende Horn-Linie von einer absteigenden Akkordreihe der Holzbläser beantwortet wird, die am Ende durch die Harfen angereichert in Wechselakkorden stehen bleibt. Der Mittelteil wird von einem Violin-Solo begonnen und später von der Oboe und der Klarinette fortgesetzt, zu dem eine synkopisch versetzte Begleitung tritt, die für einen schwebenden rhythmischen Eindruck sorgt. Zum Ende hin mischen sich die Elemente.
 Der Satz Merkur der Götterbote und Gott der Händler und Diebe bringt fröhliche, temporeiche, arpeggierende Strukturen im hemiolischen Wechsel zwischen 6/8- und 3/4-Takt. Zwischendurch und am Ende werden sie bis zum Verschwinden ausgedünnt.
 Der Name Jupiter ist ethymologisch zurückzuführen auf die Bedeutung „Lichtbringer“. Holsts vierter Satz bringt vor allem Melodien, häufig begleitet von einer schwirrenden, minimalistisch in sich bewegten Klangfläche. Mehrere melodische Grundformen setzen sich voneinander ab: 1. mit einer kräftigen Synkope und innerhalb einer Quarte bewegt, 2. Serien aufsteigender Quarten, 3. langsamer im 3/4-Takt bewegt mit aufsteigenden Achteln und abgesetzten Vierteln. Alle diese einzelnen Elemente werden immer wieder auseinandergenommen und neu miteinander kombiniert und in vielfältigen Instrumentalfarben weiterentwickelt.
 Saturn ist der Gott der Aussaat, des Ackerbaus und damit auch der Zeit, er steht aber auch für Unglück, Sorgen und harte Arbeit. Zwei im Wechsel und gegen den Takt angeordnete verminderte Septakkorde mit Septim im Bass bilden die Kernstruktur der gesamten Begleitung des überwiegend langsamen Satzes, dazu treten Melodiefragmente, manchmal nur aus zwei Tönen, die oft in extremen Lagen also sehr tief oder sehr hoch und meistens vereinzelt auftreten.
 In der antiken Mythologie ist Uranus der Sohn und Gatte der Erdgöttin Gaja. Mit ihm kommt das männliche Prinzip in die Welt. Die Vorstellung Holsts, den Uranus mit der Magie in Verbindung zu bringen, erschließt sich aus den gängigen astrologisch-kosmologischen Deutungen nicht. Der Satz exponiert ein langgezogenes, viertöniges Motiv als Ausgangspunkt für die folgende Begleitung und die weitere melodische Entwicklung. Im 6/4-Takt, der nun immer einmal durch 3/2-Rhythmen oder eingeschobene 9/4-Takte durchbrochen wird, entfaltet sich ein monumentaler, schwergewichtiger Tanz, der nach einem großen Höhepunkt abrupt abbricht. Es erscheint ein liegender Streicherklang, zu dem die Harfe sehr zart das viertönige Anfangsmotiv im Flageolett spielt. Dies wird noch einmal von den Bläsern aufgenommen, die es in einer gewaltigen Steigerung einem weiteren dynamischen Höhepunkt zuführen, bevor es versiegt.
 Bei dem Meeresgott Neptun hat Holst wohl mehr an die Entfernung des Planeten von der Erde und die astrologische Deutung als Grenzen auflösendes, transzendentes oder spirituelles Prinzip gedacht als an die antike Göttlichkeit. Der Satz entfaltet mit den Holzbläsern ein zweistimmiges, fast parallel geführtes Motiv im 5/4-Takt. Damit schließt der Satz an den ersten an, bewegt sich aber in gemächlichem Andante-Tempo. Das Motiv wird bis zur dichten Klangfläche ineinander geschichtet. Eine zweiter Teil schließt sich an mit dichten Klangflächen in hohen Streichern, Harfen, der Celesta, zu denen langsame Bläserakkorde treten. Am Ende steht ein großer bewegter Akkord, basiert von dem Subkontra-As, einem extrem tiefen Ton der Orgel, darüber einsam die Läufe der Celesta. Ein dritter Teil beginnt mit einer aufsteigenden Linie der Celli, fortgesetzt vom Heckelphon, dem Englischhorn und den Oboen, bevor der Frauenchor einsetzt, der diesen letzten Teil zunächst mit Liegeklängen, später mit kanonisch geführten Aufwärtslinien bestimmt. Einmal kontrastiert das Orchester noch mit dem Material des zweiten Teils, am Ende bleibt der Frauenchor allein und lässt den Satz langsam ersterben.


Hugh Wolff

Leitung: Hugh Wolff

Der US-amerikanische Dirigent wurde 1953 in Paris geboren. Er studierte an der Harvard-Universität Komposition bei Georg Crumb und Leon Kirchner und Klavier bei Leon Fleisher und Leonard Shure, anschließend erhielt er ein Jahr „fellowship“ in Paris, wo er Dirigieren bei Charles Buck und Komposition bei Olivier Messiaen studierte. 1979 begann seine Dirigenten-Karriere mit einer Assistentenstelle bei Mstislav Rostropovič am National Symphony Orchestra in Washington. 1980 gab er sein Debüt an der Carnegie Hall. 1982-1985 leitete er das New Jersey Symphony Orchestra zunächst als „Associate Conductor“, ab 1985 als Chefdirigent. 1992 wurde er bis 2000 Musikdirektor des Saint Paul Chamber Orchestras, 1997 bis 2006 dirigierte er das hr-Sinfonieorchester. Ab 2008 hatte er die Stelle als „Stanford and Norma Jean Calderwood Director of Orchestras“ am renommierten New England Conservatory in Boston inne. 2017 wurde er Chefdirigent des Belgian National Orchestras in Brüssel.