Einführung zu den Konzerten des Rundfunk-Sinfonie-Orchesters des Hessischen Rundfunks am 19. und 20. Januar 2023


Modest Musorgskij: Eine Nacht auf dem Kahlen Berge (Originalfassung)

Modest Musorgskij
Modest Musorgskij (* 1839 in Karewo, Ujesd Toropez, Gouvernement Pskow, Russisches Kaiserreich; † 1881 in Sankt Petersburg)

Musorgskij erlebte eine behütete Jugend in einer Gutsbesitzerfamilie. Mit sechs Jahren erhielt er ersten Klavierunterricht bei seiner Mutter. Die Begegnung mit russischen Märchen und dem Geist des volkstümlichen Lebens gab ihm früh Stoff für musikalische Improvisationen am Klavier. Er muss schon als Kind ein erstaunliches pianistisches Niveau erreicht haben, als Neunjähriger spielte er nach eigener Auskunft vor einer großen Gesellschaft im Elternhaus ein Klavierkonzert von John Field. Ab 1849 besuchte er die Petropavlovskaja Škola, eine Eliteschule für Adlige, und setzte seine Klavierstudien bei Anton Avgustovič Gerke fort. 1851 wechselte er in eine Vorbereitungsschule für die militärische Laufbahn, 1852 in die Gardefähnrichschule und 1856 als Offiziersanwärter in das Preobaženskij-Regiment, die von Peter, dem Großen gegründete und vom Zaren selbst befehligte Einheit, die in Musorgskijs Oper Chovaščina (1873-80) eine zwielichtige Rolle spielt. Im Winter 1856/57 lernte er Aleksandr Dargomyžskij und in dessen Haus Zesar Kjui und Milij Balakirev kennen, bei dem er in der Folge Kompositionsunterricht nahm. Bei Balakirev traf er wiederum die Brüder Vladimir und Dmitrij Stasov. Unter Balakirevs Anleitung entstanden einige kleine Klavierstücke, Schauspielmusiken und zahlreiche Lieder; außerdem arbeitete er an einer Symphonie, die allerdings nie fertiggestellt wurde. Einige dieser Werke wurden mit Balakirevs Hilfe orchestriert und auch aufgeführt, was ihm frühe Erfolge bescherte. Im Sommer 1858 quittierte er den Militärdienst, um sich ganz der Musik zu widmen.
 Die Aufhebung der Leibeigenschaft, die Zar Alexander II. 1861 ausgerufen hatte, führte für Musorgskijs Familie zu finanziellen Einbußen; dies nötigte Musorgskij im Herbst 1863 dazu, sich einer Wohngemeinschaft mit fünf anderen jungen Männern anzuschließen und im Ingenieur-Department die Stellung eines kleinen Beamten anzunehmen, die er bis 1880 bekleidete. Jahrelang schrieb er Tag für Tag Akten ins Reine, mit blütenschöner Handschrift und akribischer Sorgfalt, eine stupide Fronarbeit, die wohl seine Disposition zum Alkoholismus verstärkte.
 Im Herbst 1865 erkrankte er an Delirium tremens, sein Bruder Filaret nahm ihn auf. Seine Lieder, die er in dieser Zeit komponierte, brachten seine Konzeption eines volkstümlichen Realismus in der Kunst immer deutlicher zum Ausdruck.



Ivanova noč' na Lysoj gore (Eine Nacht auf dem Kahlen Berge - 1867 - Originalfassung)

Orchesterbesetzung: 3 Flöten (1 auch Picc.), 2 Oboen, 2 Klarinetten, 2 Fagotte 4 Hörner, 2 Trompeten, 2 Kornette, 3 Posaunen, Tuba Pauken, 4 Schlagzeuge Streicher
Szenen: 1. Versammlung der Hexen, ihr Klatsch und Tratsch
2. Der Zug des Satans
3. Heidnische Verherrlichung des Satans
4. Hexensabbat
Spieldauer: ca. 17 Min.
Uraufführung: 3. Februar 1932, London, Nikolai Malko Ltg.

Der russische Titel der sinfonischen Dichtung lautet korrekt übersetzt eigentlich: Johannisnacht auf dem Kahlen Berge; damit bezieht sie sich auf die Nacht vom 23. auf den 24. Juni. Der russische Mythos dieses nicht eindeutig bestimmten Berges ähnelt dem hiesigen Mythos vom Blocksberg, auf dem sich einmal im Jahr die Hexen versammeln.
 Das Werk folgt dem Modell einsätziger literaturgebundener Programmmusik. Musorgskij sprach von einem „musikalischen Bild“ und nennt die vier oben angeführten Szenen. In den 1860er Jahren setzten sich die Petersburger Komponisten intensiv mit der programmatischen Musik von Hector Berlioz und Franz Liszt auseinander. Dem entspricht das Sujet und das Zusammenziehen von vier Sätzen in einen. Da das Werk wegen Balakirevs Ablehnung unaufgeführt blieb, erweiterte Musorgskij es für das kollektive Opernprojekt Mlada (1872) um eine Chorpassage. Als auch dies gescheitert war, übernahm Musorgskij die Chorfassung in seine Oper Soročinskaja jarmarka (Der Jahrmarkt von Soročincy 1874-80).
 Folgende kompositionstechnische Charakteristika lassen sich in der Nacht auf dem Kahlen Berge finden: die Reihung und Repetition von melodisch prägnanten Motiven anstelle von ableitender und entwickelnder Formgestaltung; im harmonischen Bereich die Verlagerung von funktionalen Fortschreitungen auf Rückungen, Parallel-Führungen und insgesamt nicht herkömmlich erklärbare Klangverbindungen, hinzu kommt die Vorliebe für einen Orchestersatz, der dunkle Farben und disparate Klangkombinationen bevorzugt. Aufgrund solcher Verfahren wurde Musorgskij in seinem Kreis belächelt, aufgrund solcher Verfahren kreierte die Musikgeschichtsschreibung gerade an ihm das Bild des russischen Dilettanten-Komponisten, aufgrund solcher Verfahren erreicht Musorgskijs Musik eine eigentümliche Anschaulichkeit, die die Hörer jenseits aller handwerklichen Fragen unmittelbar berührt; aufgrund solcher Verfahren schließlich gingen von Musorgskij kompositionstechnische Impulse aus, die vor allem Claude Debussy und seine Zeit zu nutzen wußten.
 Nach Musorgskijs Tod überarbeitete Nikolaj Rimskij-Korsakov die Nacht auf dem Kahlen Berge. Seine Fassung stellt allerdings eher ein Pasticcio aus mehreren Werken Musorgskijs dar und hat mit dessen Konzeption nur teilweise zu tun.


Andris Poga

Leitung: Andris Poga

Der lettische Dirigent wurde 1980 in Riga geboren. Er studierte Dirigieren an der Lettischen Musikakademie Jāzeps Vītols und Philosophie an der Staatlichen Universität Lettlands. Von 2004 bis 2005 nahm er Dirigierunterricht bei UroŠ Lajovic an der Wiener Universität für Musik und Darstellende Kunst. Außerdem besuchte er Meisterkurse bei Seijia Ozawa und Leif Segerstam. 2010 gewann er den ersten Preis des Internationalen Dirigierwettbewerbs „Evgeny Svetlanov“ in Montpellier, anschließend wurde er als Assistent von Paavo Järvi beim Orchestre de Paris und als Assistent Conductor beim Boston Symphony Orchestra verpflichtet. Seit der Saison 2013/14 ist er Chefdirigent des Lettischen Nationalorchesters Riga und dirigierte seitdem zahlreiche Orchester in Deutschland, Frankreich, in den USA und in Japan als Gastdirigent.