Einführung zu den Konzerten des Rundfunk-Sinfonie-Orchesters des Hessischen Rundfunks am 19. und 20. Januar 2023


Sergei Prokof'ev: Klavierkonzert Nr. 2, g-Moll op. 1

Sergei Prokof'ev
Sergei Prokof'ev (* 1891 auf Gut Soncovka, heute Dnjepropetrowsk, Ukraine; † 1953 in Moskau)

Prokof'ev wuchs wohlbehütet und in gutsituierten Verhältnissen auf. Dem Einzelkind (nach dem frühen Tod zweier Schwestern) galt die ungeteilte Aufmerksamkeit der Eltern, Moskauer Kaufleute und Verwalter des Landgutes Soncovka. Seine Mutter hat Prokof'ev als vielseitig begabt, gebildet und sozial engagiert beschrieben. Ihr Klavierspiel bildete den Ausgangspunkt für Prokof'evs erste eigene, kindlich freie Experimente mit kleinen Melodien. Großen Wert legten die Eltern auf eine umfassende Allgemeinbildung des Knaben. Dazu zählte auch Sport und Spiel darunter Schach. Opern- und Theatererlebnisse im Winter 1899 brachten Prokof'ev zur Komposition und Aufführung eigener kleiner Bühnenwerke. Unter der Anleitung des Musikstudenten Rejngol'd Glièr entstanden nun größere Formen: eine Klavier- und Violinsonate sowie eine Symphonie G-Dur. Bis 1906 komponierte Prokof'ev fünf Zyklen, jeweils zwölf kleiner Klavierstücke, die er als „Liedchen“ (pesenkij) betitelte.
 Zum Herbst 1904, dreizehnjährig, trat Prokof'ev in das Petersburger Konservatorium ein. Nikolaj Rimskij-Korsakov, die beherrschende Persönlichkeit der Lehranstalt, unterrichtete Instrumentation, Anatolij Ljadov Tonsatz, Jāzeps Vītols Formenlehre, Aleksandr Vinkler Klavier, Nikolaj Čerepnin Partiturspiel und Dirigieren. Prokof'ev konnte seinen Lehrern und insgesamt dem geregelten Gang eines gründlichen Studienaufbaus nur wenig abgewinnen. Unstimmigkeiten ergaben sich auch aus dem Altersgefälle der Klasse und aus Prokof'evs oft schroffen Ansichten. In dem zehn Jahre älteren Mitstudenten Nikolaj Mjaskovskij fand der Komponist einen lebenslangen Gesprächspartner und einen besonnenen Gegenpol seiner ebenso eigenwilligen wie selbsteingenommenen Persönlichkeit. Das Ende der Kindheit Prokof'evs als einer Zeit der gesicherten Entwicklung fällt zusammen mit der russischen Revolution 1905.
 Im Frühjahr 1909 meldete sich Prokof'ev zum Abschlußexamen. Prokof'ev war nun, in offzieller Schreibart, „Freier Künstler“. Fünf Jahre studierte er noch weiter Dirigieren bei Čerepnin und Klavier nun bei Anna Esipova. Zugleich besuchte er die Opernschule am Konservatorium. Bei den VeČera sovremennoj muzyki (Abende zeitgenössischer Musik) im Umkreis der avantgardistischen Künstlergruppe Mir iskusstva (Welt der Kunst) trat Prokof'ev im Dezember 1908 erstmals als Komponist in Erscheinung. Noch Konservatoriumsschüler, stand er von jetzt an in einer Reihe mit avancierten Künstlern. 1911/12 entstand das 1. Klavierkonzert, für dessen Interpretation er 1914, im letzten Studienjahr, den Anton Rubinštejn-Preis erhielt. Zum vielberedeten Skandal geriet 1913 die Uraufführung des 2. Klavierkonzertes in Pawlowsk.
 Die Nachrichten von der Oktoberrevolution erreichten Prokof'ev im fernen Kaukasus, wo seine Mutter in Kur war. Nach der Premiere seiner Klassischen Symphonie 1918 teilte er dem Volksbildungskommissar Anatolij LunaČarskij mit, er wolle ins Ausland reisen. Dessen Antwort wurde legendär: „Sie sind Revolutionär in der Musik, und wir sind es im Leben wir müssten zusammenarbeiten. Aber wenn Sie nach Amerika wollen, werde ich Ihnen nichts in den Weg legen“.



Klavierkonzert Nr. 2, g-Moll op. 16 (1912/13, revidiert 1923)

Orchesterbesetzung: Solo-Klavier - 2 Flöten, 2 Oboen, 2 Klarinetten, 2 Fagotte 4 Hörner, 2 Trompeten, 3 Posaunen, Tuba Pauken, 2 Schlagzeuge Streicher
Sätze: 1. Andantino-Allegretto
2. Scherzo: Vivace
3. Intermezzo: Allegro moderato
4. Finale: Allegro tempestoso
Spieldauer: ca. 34 Min.
Widmung: Maximilian Schmidthof
Uraufführung: 23. Aug. 1913, Pawlowsk (St. Petersburg), Prokof'ev Klavier,
revidierte Fassung: 8. Mai 1924, Paris, Prokof'ev Klavier, Sergej Kusevickij Ltg.

Prokof'ev widmete sein 2. Klavierkonzert dem Andenken seines Freundes und Studienkollegen Maximilian Schmidthof, der im April 1913 Selbstmord beging, nachdem er einen Abschiedsbrief an Prokof'ev geschrieben hatte. In der Uraufführung spielte Prokof'ev selbst den Klavierpart. Das wilde Temperament des Werks löste einen Skandal aus, Zuschauerreaktionen waren etwa: „Zum Teufel mit dieser futuristischen Musik!“ oder „Katzen können das besser!“
 Die ursprüngliche Orchesterpartitur wurde bei einem Brand im Ersten Weltkrieg vernichtet. Nach der Uraufführung seines 3. Klavierkonzertes 1921 rekonstruierte und überarbeitete Prokof'ev das 2. Klavierkonzert 1923. Das fertige Ergebnis war seiner Meinung nach „so vollständig umgeschrieben, dass man es fast als Nr. 4 betrachten könnte“. Es ist eines der technisch anspruchsvollsten Klavierkonzerte des Standardrepertoires.
 Der erste Satz beginnt ruhig mit Streichern und Klarinette, die ein zweitaktiges staccato-Thema spielen. Das Klavier übernimmt und baut über triolischen Wellenbewegungen ein erzählerisches Thema auf. Dies Anfangsthema enthält ein zweites aufsteigendes skalisches Thema, das später von Streichern im unisono aufgegriffen wird. Ein kurzes forte im Tutti führt zu einem dritten, schreitenden Thema des Solopianisten. Die fünfminütige Kadenz führt zu oszillierenden triolischen Sechzehntelläufen über die oberen vier Oktaven des Klaviers, begleitet von einer hüpfenden Viertelbewegung der linken Hand. Das Orchester setzt mit einer tumultuoso-Passage ein, der Satz erreicht höchste Dissonanz, wenn cis-Moll und d-Moll kollidieren. Ein decrescendo bringt die Musik zurück ins piano, das Klavier bringt zaghaft das zweite Thema vor, Streicher-pizzicati verweisen auf das Anfangsthema.
 Im Scherzo hat der Pianist eine rasende, Sechzehntel-Linie unisono hauptsächlich in d-Moll zu spielen, während das Orchester Tonwiederholungen und chromatische Linien skandiert. Etwa in der Mitte erscheint in der Cellostimme wie nebenher ein Triolen-Motiv, das im Finalsatz groß ausgebaut wird.
 Anstelle eines lyrischen dritten Satzes bietet Prokof'ev ein rasantes, bedrohliches Intermezzo. Der Satz beginnt mit einem Walking-Bass-Thema, das pesante und fortissimo gespielt wird. Die Musik marschiert in grotesker Prozession in g-Moll. Das Klavier moduliert in neues harmonisches Gebiet. Es gibt Momente der Ruhe mit dem Auftauchen introvertierter Themen. Dann baut sich Spannung wieder auf und die Musik steigert sich mit dem Anfangsthema. Die Holzbläser nehmen die Intensität wieder zurück, der Satz endet ruhig und fast scherzhaft.
 Fünf Oktaven über dem Schlusston des Intermezzos erhebt sich eine artistische Tirade im fortissimo aus dem Himmel. Der Sprint wiederholt sich dreimal, bis das Orchester zum Stillstand führt. Weiche, glockenartige, aber dissonante Akkorde folgen, das Triolen-Motiv aus dem 2. Satz erklingt mehrfach. Klarinette, Fagott und Cello beginnen eine neue Episode, die an Musorgskij erinnert. Der Solist übernimmt und spinnt das Thema kontrapunktisch aus. Die Fagotte nehmen das Klavierthema auf, das Klavier selbst geht in eine Sechzehntel-Begleitung über. In schnellerem Tempo bringt das Orchester ein Achtel-Motiv, an dem sich der Solist alsbald beteiligt. Kräftig beginnt die Kadenz, führt aber schnell in eine ruhige Passage mit Glockenakkorden. Eine zunächst leise Wellenbewegung führt zu einer Steigerung, in die sich das Orchester wieder einschleicht und in der immer klarer ein viertöniges absteigendes Motiv heraustritt, schließlich aber immer schwächer werdend in einer tremolo-Bewegung stehenbleibt. Ein heftige Explosion des Orchesters leitet die kurze Reprise ein.


Andris Poga

Leitung: Andris Poga

Der lettische Dirigent wurde 1980 in Riga geboren. Er studierte Dirigieren an der Lettischen Musikakademie Jāzeps Vītols und Philosophie an der Staatlichen Universität Lettlands. Von 2004 bis 2005 nahm er Dirigierunterricht bei UroŠ Lajovic an der Wiener Universität für Musik und Darstellende Kunst. Außerdem besuchte er Meisterkurse bei Seijia Ozawa und Leif Segerstam. 2010 gewann er den ersten Preis des Internationalen Dirigierwettbewerbs „Evgeny Svetlanov“ in Montpellier, anschließend wurde er als Assistent von Paavo Järvi beim Orchestre de Paris und als Assistent Conductor beim Boston Symphony Orchestra verpflichtet. Seit der Saison 2013/14 ist er Chefdirigent des Lettischen Nationalorchesters Riga und dirigierte seitdem zahlreiche Orchester in Deutschland, Frankreich, in den USA und in Japan als Gastdirigent.

Yulianna Avdeeva

Solistin: Yulianna Avdeeva

Die russische Konzertpianistin wurde 1985 in Moskau geboren. Sie begann ihren Klavierunterricht mit 5 Jahren an der Gnessin-Musikschule in Moskau. Später studierte sie bei Wladimir Tropp und Konstantin Scherbakov an der Züricher Hochschule der Künste. Bei der Internationalen Klavierakademie am Comer See besuchte sie mehrere Meisterkurse bei Fou Ts'ong, Dmitrij Baškirov und William Grant Naboré. 2010 gewann sie als vierte Frau nach Halina Czerny-Stefańska, Bella Davidovich und Martha Argerich den ersten Preis beim Internationalen Fryderyk Chopin-Klavierwettbewerb in Warschau und gewann damit internationale Anerkennung. Sie spielte zahlreiche Solo- und kammermusikalische Werke von Bach, Mozart, Schubert, Chopin, Liszt, Prokof'ev und Weinberg auf CD ein.