|
|
Das Nur und das Auch
Musik für Akkordeon, Klavier, Kontrabass und Schlagzeug
ca. 13 Min. 30 Sek.
komponiert 2026
→ Download pdf 801 kB
Einführung
Kammermusikalisches Spiel stellt den Inbegriff eines gelungenen sozialen Miteinanders dar, indem es ein Zusammenwirken von Menschen zeigen kann, bei dem der Einzelne wichtig und unverzichtbar ist und doch das Tun der Einzelnen auf ein gemeinsames Ergebnis gerichtet ist. In unserer Gegenwart der „fake news“, des Verzichts auf Argumente zugunsten einer Meinung sowie der Neigung zu gewaltsamen Lösungen von Konflikten, scheint ein solches soziales Miteinander zur Seltenheit geworden. Umso dringlicher stellt sich der Kunst die Aufgabe, die Frage nach dem „Wie“ unseres Zusammenlebens aufzuwerfen.
In dem Stück Das Nur und das Auch sind vor allem zwei grundlegend unterschiedene Strukturen komponiert, die das Verhältnis des Einzelnen Musikers zum Ensemble beleuchten:
Da sind zum einen solistische Passagen, die die besonderen klanglichen und technischen Eigenheiten der einzelnen Instrumente hervorheben – Passagen, in die sich die anderen Instrumente kurzzeitig einbringen, aufeinander hörend, einander ablösend und ergänzend, in einer freien Zeitgestalt, quasi improvisierend, die einzelnen musikalischen Ereignisse ausspielend.
Dem sind Abschnitte entgegengesetzt, die das Miteinander über einen gemeinsamen Puls steuern, die jeweils für sich eigene, voneinander unterschiedene Bewegungsformen und musikalische Fakturen aufweisen.
Die Entgegensetzung lässt sich in der Spannung von glatter und gekerbter Zeitgestalt und deren Mischformen verstehen, wie sie der französische Philosoph Gilles Deleuze in seinem Werk „Tausend Plateaus“ für die Modelle von Raum und Zeit in verschiedenen Bereichen definiert hat.
Der Titel Das Nur und das Auch lässt sich mehrdeutig sowohl auf die Spannung zwischen Allein- und Gemeinsam-Handeln der Musiker, auf die klanglichen Mischungen und Differenzen des Instrumental-Ensembles, auf die Besonderheiten der glatten und gekerbten Zeitgestalt, aber auch auf die Bedingungen des sozialen Miteinanders verstehen.
Das ganze Stück arbeitet mit Figuren aus kleinen Intervall-Reihen aus den sechs Intervallen von der kleinen Sekunde bis zur verminderten Quinte und deren Umkehrungen. Dies ergibt Figuren aus sieben Tönen, die im Stück häufig so aneinandergefügt sind, dass End- und Anfangspunkte zusammenfallen.
Der Kontrabass eröffnet die Reihe solistischer Abschnitte. Ab Takt 30 folgt das Akkordeon, ab Takt 56 das Klavier. Das Schlagzeug beschließt ab Takt 190 diese Reihe solistischer Passagen.
Zwischen Kontrabass und Akkordeon steht von Takt 11 bis 29 eine kleine kanonische Fuge, deren Thema aus der Aneinanderreihung zweier Intervallreihen besteht und in der gleich von Anfang an mit fünf verschiedenen Tempo-Relationen, mit Umkehrungen und Krebsgängen eine Vielzahl von Themenvariationen verarbeitet werden.
Zwischen Akkordeon- und Klaviersolo findet sich von Takt 37 bis 55 ein Abschnitt, in dem der Reihencharakter ganz aufgeben ist, indem die ursprünglichen Reihen hier zu Akkorden zusammengezogen sind, die durch verschieden lange Pausen getrennt und mit unterschiedlicher Dynamik gespielt zu einer unvorhersehbaren Reihe von Akkordschlägen werden.
Zwischen dem Klavier- und dem Schlagzeugsolo findet sich ab Takt 67 zunächst ein polyphoner Abschnitt im 3/8-Takt, der jeweils in einem Takt eine 7-Tonreihe durch alle Instrumente führt. Dieser Abschnitt ist mehrfach unterbrochen durch Ausbrüche, die den Ablauf dynamisch und rhythmisch sprengen und in denen jeweils zwei Instrumente im Vordergrund stehen. Der Abschnitt im Takt 161 mündet wiederum in ein Akkordspiel mit variablen Metren im fortissimo – dem dynamischen Höhepunkt.
Wie eine Coda beginnt im 1 ½-fachen Tempo nach dem Schlagzeugsolo ab Takt 203 ein leichtes, leises walzerartiges Tänzchen, das zweimal durch den gesamten Tonraum führt und jeweils in einem lang verklingenden Akkord endet. Hier sind die Sieben-Ton-Figuren wieder deutlich zu hören, die Begleitung ergänzt jeweils die zum zwölftönigen Total fehlenden fünf Töne.
|